Otto NEURATH:
Das Werden des Wiener Kreises und die Zukunft des Empirismus

Der Name "Wiener Kreis" ist mehr als eine zufällige geographische Bezeichnung, haben sich doch gerade in Wien seit langem die Bedingungen für eine empiristische Gesamthaltung vorbereitet, wie sie vom "Wiener Kreis" entschlossen vertreten wird. Solche Gesamthaltung ist nicht schon dadurch gegeben, daß man Einzeldisziplinen in erheblichem Umfang empiristisch aufbaut; wenn auch solch partieller Empirismus für die Entstehung dieser Gesamthaltung größte Bedeutung hat. Man darf aber nicht übersehen, daß ein Denker innerhalb eines Spezialbereiches empiristisch gerichtet sein kann, ohne deshalb die Neigung zu entwickeln, solchen Empirismus nun allgemein anzuwenden. Newton hat neben seinen physikalischen auch theologischen Abhandlungen geschrieben. Es wäre unwahrscheinlich, daß solche metaphysische Tendenz sich völlig abkapseln liesse. Und so sehen wir denn, daß auch innerhalb der Spezialarbeiten solcher Männer, die auf irgendeinem Lebensgebiet metaphysischen Tendenzen nachhängen, metaphysische Elemente nicht fehlen. In Newtons Lehre von der absoluten Bewegung tritt der absolute Raum


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als "sensorium dei" auf. Es kennzeichnet wohl die Situation nicht schlecht, wenn wir sehen, wie Leibniz diese Lehre dahin interpretierte, daß sie Gott Organe zuschreibe, – und daher nicht metaphysisch genug sei. Es können eben Männer, die der modernen Wissenschaft wichtigste Dienste geleistet haben, von einer umfassenden empiristischen und antimetaphysischen Gesamthaltung weit entfernt sein. Das gilt aber nicht nur für jene ältere Epoche moderner Denkentwicklung; ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert: Theodor Fechner, der Begründer der Psychophysik – als Physiker bemüht, Biot durch Übersetzung und Bearbeitung seinen Landsleuten zugänglich zu machen – zeigte, obgleich er in vielfacher Richtung empiristisch eingestellt war, einen starken Hang zu metaphysischen Spekulationen. Seine Stufenreihe der Seelen führt ihn bis zur Gottheit. Dabei sind seine Betrachtungen über die Pflanzenseele voll experimenteller Fragestellungen. Und wenn er auch seine metaphysischen Gedankengänge mit einer gewissen intellektuellen Bescheidenheit vorbringt, so hat er doch eine im ganzen unempiristische und metaphysische Gesamthaltung gestützt, wie wir sie bei so vielen empiristisch gerichteten Forschern in den verschiedensten Formen antreffen. Wir wollen hier nicht die Beispiele vermehren, die zum Teil eine genauere Analyse nötig machen würden. Es galt nur zu zeigen, daß man zwischen der sorgfältigeren empiristischen Entwicklung in den Einzelwissenschaften und der


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Entwicklung einer empiristischen Gesamthaltung unterscheiden muß, die in erheblichem Masse durch allerlei kühne "Antizipationen" der modernen konsequenten Antimetaphysik vorbereitet wird. Solche Antizipationen sind in den letzten Jahrhunderten vor allem der Skeptizismus und der Materialismus. Man kann freilich nicht sagen, daß der Skeptizismus aus dem Empirismus geboren wurde, eher gilt dies vom Materialismus. Aber Skeptizismus und Materialismus treten oft als Ablehnung metaphysischer Spekulationen auf, ohne jedoch über die logischen Hilfsmittel zu verfügen, die es ermöglichen, Metaphysik systematisch zu kritisieren und eine in sich geschlossene wissenschaftliche Anschauung aufzubauen. Die Skeptiker, die empirisches Material oft wesentlich unkritischer verwenden als metaphysische Zeitgenossen, erschüttern nicht selten mit den Grundlagen der Metaphysik auch die Grundlagen der Wissenschaft; so bahnen sie neuer Metaphysik den Weg und zwar nicht nur in den primitiveren Fällen, in denen der "Glaube" an den Erschütterungen des "Wissens" profitiert. In anderer Weise führt wieder der Materialismus in seiner logischen Unbeholfenheit zu metaphysischen Randerscheinungen, die nicht eben geeignet sind, idealistischen Spekulationen ernsthaft Abbruch zu tun. Materialisten wollen ebenso wie Skeptiker oft den umfassenden kritischen Standpunkt vorwegnehmen, ohne im Einzelnen besonders erfolgreiche Vertreter des Empirismus oder der logischen


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Analyse zu sein. Die These" "l’homme machine" war ebensowenig das Ergebnis umfassender empiristischer Bemühungen wie die ältere These "L’animal machine". Und doch steckt in diesen und ähnlichen Thesen sehr viel von dem, was heute innerhalb der Erörterungen des "Wiener Kreises" über die "Einheitssprache des Physikalismus" eine wesentliche Rolle spielt. Es bedurfte eines verwickelten Entwicklungsprozesses, bis das, was so von verschiedenen Seiten her beigesteuert wurde, vereinigt werden konnte. Da die logisch ausreichend fundierte Antimetaphysik und der logisch ausreichend fundierte Empirismus junge Erscheinungen sind, ist es verständlich, daß eine in die Geschichte der menschlichen Gesellschaft eingebaute Geschichte des logisierenden Empirismus fehlt. So werden wir uns denn auch im folgenden nicht auf eine solche Geschichte stützten können, wenn wir mit ein paar Strichen das Werden des "Wiener Kreises" zu zeichnen unternehmen. Wir werden nicht im einzelnen zeigen können, wie in ihren Sonderdisziplinen erfolgreiche empiristische Denker und Logistiker im Ganzen Metaphysiker waren und wie umgekehrt im Ganzen antimethaphysisch eingestellte Denker weder empiristisch noch logistisch Besonderes leisteten und dennoch der wissenschaftlichen Gesamthaltung die Wege ebnen halfen. Die stoßweisen Versuche, einen metaphysikfreien Empirismus aufzubauen, entbehrten logischer Konsequenz und boten daher den Gegnern viele Angriffsflächen dar. Auch fehlten die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Entwicklung, die erst jetzt durch einen neuen Scientismus


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möglich wird, der den logisierenden Empirismus durchaus auf dem Boden wissenschaftlicher Denkweise aufbaut und die Mängel der unsystematischen Kritik und des unsystematischen Neubaus zu vermeiden trachtet.

Und das ist das neuartige: daß Logik und Empirismus aufs engste verbunden werden, die früher unabhängig voneinander waren oder sogar als Gegensätze behandelt worden sind. Für den logisierenden Empirismus ist die Verbindung dieser beiden Elemente, die das gesamte Gebiet der Wissenschaften umspannen, wesentlich. Der "Wiener Kreis" sucht gleich anderen Gruppen des neuen Scientismus zu zeigen, wie man die Gesamtheit der wissenschaftlichen Sätze so ausbauen kann, ohne daß neben der Wissenschaft eine "Metaphysik", eine "Philosophie", eine "Erkenntnistheorie", eine "Phänomenologie" oder eine andere Disziplin mit besonderen Sätzen notwendig wäre. Die Aufgabe ist nun, eine wissenschaftliche Sprache vorzuschlagen, die unter Vermeidung aller Scheinprobleme das Aufstellen von Prognosen und ihre Überprüfung durch Beobachtungssätze erlaubt.

Diese Aufgabe des Tages, eine möglichst metaphysikfreie Sprache aufzubauen, kann man umso eher im Anschluß an


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die überlieferte Umgangssprache in Angriff nehmen, je mehr man der Anschauung sein darf, daß unsere metaphysikfreie Terminologie eigentlich an altüberlieferte Sprachformen der präaniministischen Magie anknüpft. Mögen deren Sätze wenig begründet und wenig kontrolliert worden sein, sie hatten wenigstens keinen metaphysischen Charakter. Das würde verständlich machen, daß man Menschen, die nur über jene ärmliche Sprache verfügen, zur Not moderne Wissenschaft, nicht aber ohne besondere sprachliche Dressur moderne Metaphysik beibringen könnte. Die historische Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß die Entfaltung der empiristischen Denkweise mit einer Entfaltung metaphysischer Denkweise verbunden war, sodaß die ersten großen Leistungen des Empirismus zu einer Zeit möglich wurden, in der die ersten auf Wortklitterungen beruhenden philosophischen Systeme entstanden sind. Die nächste Stufe bestünde nun in der Ausdehnung des Empirismus auf alle Denkgebiete unter gleichzeitiger Verdrängung dieser metaphysischen Begleiterscheinungen. Wir werden sehen, wie diese Gegenbewegung gegen die Metaphysik ihrerseits sehr leicht metaphysische Formen annimmt, wie durch Überschätzung empiristischer Kraft neue Illusionen entstehen können und wie vor allem die früheren Hemmungen metaphysischer Spekulation durch die Hemmungen einer an sich empiristischen Kritiklosigkeit ersetzt werden können. Eine komplizierte und keineswegs klare Fronten zeigende Situation.


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Die neue Basis, von der aus man den Versuch unternimmt, die jeweils mögliche empiristische Position zu halten, ist die Analyse der wissenschaftlichen Sprache. Das führt zu einer besonderen Schätzung aller Denker, die, wie etwa Francis Bacon, vor den Idolen der Sprache, vor den Scheinbegriffen warnten. Welch guten Instinkt schreibt man all denen zu, die mehr oder minder bewußt darnach strebten, "glottologische" Disziplinen zu schaffen, um zu zeigen, in welcher Weise die Sprache jene Probleme, die sie stelle, auch zu beantworten unternehme. Die Kritik der Sprache, wenn auch oft ungelenk und unzugänglich angestrebt, erscheint als Wegbereiter des logisierenden Empirismus. Diesem dienten insbesondere die, welche den "glossogenen" Ursprung vieler philosophischer Probleme aufzuzeigen sich bemühten und damit die Kritik des logisierenden Empirismus vorbereiteten, der vor allem auch die Entlarvung philosophischer Scheinprobleme durchführen muß, um für seine aufbauende Arbeit freien Boden zu schaffen.

Wie gerade der "Wiener Kreis" die Verknüpfung von Logik und Empirismus durchführte, soll im Anschluß an die Tradition des Kreises selbst gezeigt werden, haben doch seine Vertreter bereits mehrfach auf ihre unmittelbaren Vorläufer hingewiesen sowie auf Denker früherer Jahrhunderte, die in gewissem Sinn die Grundlagen solcher wissenschaftslogischer Kritik vorbereiteten. So gibt die folgende Darstellung mehr ein Bild davon, welche Überlieferungen im "Wiener Kreis" lebendig sind, als eine historische Analyse. Doch wird es auch so möglich sein, die allmähliche Entwicklung des


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"Wiener Kreises" zu skizzieren und auf manche Hemmungen hinzuweisen, die früher aufgetreten sind und sich immer wieder bemerkbar machen können.

Die Entwicklung des "Wiener Kreises" hat sich in Wien und den mit Wien enger verbundenen Gebieten seit langem vorbereitet. Man muß sich von vornherein von der so verbreiteten Anschauung freimachen, die Geschichte der in Wien herrschenden Gesamtauffassungen, seien es nun empiristische oder metaphysische, ja theologische, gewissermaßen als Ausschnitt aus der Philosophiegeschichte Deutschlands aufzufassen. Man muß vielmehr die Entwicklung in Wien und in den anderen Zentren der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie vor allem als ein Stück europäischer Gedankenentwicklung ansehen; nicht selten überwiegen die Einflüsse englischer und französischer Denker, und man findet zu manchen Gedankenentwicklungen im Bereich Österreichs oft eher Parallen in Warschau oder Paris als in Berlin. Ja in Wien und in den mit Wien verbundenen Zentren wurden gerade solche Richtungen deutscher Philosophie gepflegt, die in Deutschland entweder wenig beachtet oder geradezu beiseite geschoben wurden.

Lebensboden für die hier zu skizzierende Entwicklung ist die oft schwer überschaubare politische und soziale Verworrenheit innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie. In diesem Gebiet treffen wir immer wieder ein eigenartiges Hin und Her von alter Tradition und modernsten Bemühungen, von berechnender Unterdrückung und einer oft unerwarteten Toleranz.


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Wir wollen hier nicht die Frage erörtern, wie weit diese Toleranz Ausdruck besonderen Machtgefühls oder großer Schwäche, wie weit sie durch aufrechte Haltung einer zähen Opposition bedingt war. Jedenfalls ist die Gegenreformation, die den Gegner teils vernichtete, teils Vertrieb, teils unterjochte, für Österreich nicht minder kennzeichnend als die josefinische Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Der "Josefinismus" ist mit seiner kirchenfeindlichen Haltung für viele österreichische Intellektuelle der Folgezeit vorbildlicher und bestimmender geworden als es etwa für die deutschen Intellektuellen jene französische Aufklärung wurde, die Friedrich II, der Zeitgenosse Josefs II., an seinem Hofe in Potsdam förderte. Der Josefinismus macht uns die oft sehr liberale Haltung gewisser österreichischer Beamten, ja Adeligen und Priester verständlich, die mit Hof und Kirche in Konflikt gerieten.

Aus solch zwiespältigem österreichischen Leben heraus ergab sich eine eigenartige Förderung gewisser Voraussetzungen des logisierenden Empirismus. Als Hof und Kirche den Kantianismus und den spekulativen Idealismus, die in Preussen bereits regierungsreif geworden waren, als Kinder der französischen Revolution entschieden ablehnten und Antikantianer begünstigten, gab dies österreichischen Aufklärern Gelegenheit, Vertretern leibnizianischer Denkrichtung Positionen an Universitäten und sonst im Schulwesen zu sicher.

Im ganzen genommen fällt die Entwicklung des logisierenden Empirismus in das Zeitalter der modernen Technik, der modernen Volksbildung, des modernen Staatslebens. Es wäre


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nicht so fernliegend anzunehmen, daß man in den einzelnen Ländern eine recht enge Korrelation zwischen empiristischer Gesamthaltung und diesen modernen Lebensformen feststellen könnte. Aber schon ein Blick auf Deutschland macht uns stutzig; denn dieses Land mit seiner gewaltigen entwickelten Technik und seinen großen Erfolgen auf so vielen wissenschaftlichen Gebieten gab den Vertretern eines logisierenden Empirismus an den Universitäten und in der Volksbildung weit weniger Möglichkeiten als etwa Österreich, dessen Technik hinter der Deutschlands zurückgeblieben war.

Entwerfen wir eine flüchtige geographische Übersicht: tragen wir etwa auf eine Karte des abendländischen Kulturgebiets die Männer und Schulen ein, die als Vorläufer des logisierenden Empirismus gelten können, also Vertreter antimetaphysischer, positivistischer, utilitaristischer, pragmatischer, materialistischer, skeptischer Denkweise. Wir sehen, daß Frankreich und England im Verhältnis zum Bevölkerungsvolumen der letzten Jahrhunderte (Einwohnerzahl multipliziert mit dem Zeitraum) eine starke Anhäufung solcher Denker zeigen. Auch Italien, USA und andere Länder sind stark besetzt. Vor allem aber zeigt das Gebiet des heutigen Österreich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine große Anzahl von Vorgängern des logisierenden Empirismus. Bemerkenswert, daß sich in Österreich eine weit geringere Zahl entschlossener Vertreter des "Idealismus" findet als in dem so empiristisch gerichteten England. Dort wurden gewisse Probleme, die mit der Definition der Wahrheit zusammenhängen, z.B. von Metaphysikern wie Bradley, Bosanquet, Joachim behandelt, während sich in Österreich logisierende Empiristen mit diesen Fragen beschäftigten. Ähnlich wie im heutigen Österreich steht es in dem Gebiet der übrigen "Nachfolgestaaten"


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der österreichisch-ungarischen Monarchie, in der Tschechoslowakei, in Polen, in Ungarn. Polen, eine Gebiet mit zurückgebliebener Technik, mit zurückgebliebener Volksbildung hat Positivisten vor Comte und zeigt uns eine besonders reiche Entfaltung der logisierenden Tendenzen. Kurzum die wissenschaftliche Gesamtauffassung, mag sie auch im ganzen genommen mit der technischen Entwicklung unserer Periode verbunden sein, steht nicht in direkter Korrelation zu dem Stand der Einzelwissenschaften, der Technik und der Volksbildung in einzelnen Ländern. Vielleicht hängt dies damit zusammen, daß der logisierende Empirismus von einer verhältnismäßig kleinen Gruppe gepflegt werden kann, ähnlich wie die Theologie. Was eine Gruppe von Denkern so ausarbeitet, mag erst später Gemeingut größerer Massen werden. Welche Bedingungen es ermöglichen, daß eine kleine Gruppe bestimmte Ideen verfolgen kann, ist eine besondere historische Frage. Es wäre auch ein wichtiges Problem festzustellen, wie die Metaphysik in Deutschland mit einer entwickelten Einzelforschung verknüpft werden konnte und welche Disziplinen am meisten darunter zu leiden hatten.

Wer sich in Österreich, speziell in Wien, am Ende des 19. Jahrhunderts speziell mit Wissenschaftslogik zu beschäftigen begann, mußte sich nicht erst mit dem Kantianismus und der idealistischen Metaphysik auseinandersetzen, die an den Universitäten Deutschlands herrschten. Dort spielte ja die Philosophie als Bestandteil der allgemeinen Erziehung eine größere Rolle als in dem stark katholischen Österreich mit seiner mehr trockenen Bildungstendenz.


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In Österreich fand der heranwachsende Intellektuelle zwar immer irgendwelche interessante spezialwissenschaftliche Theorien und Schlagworte vor ("Grenznutzen", "Verdrängung", "Überkompensation"), aber es fehlten die richtigen philosophischen Schlagworte, die man in Deutschland kennt, das "Ding an sich", der "absolute Wert", der "kategorische Imperativ" und ähnliches mehr. Es gab in Österreich immer neben der Theologie eine stark theologisierende Philosophie, ja manche logisierende Denker waren nebenbei theologisch interessiert, aber es gab in Österreich nicht viel von jener diffusen Metaphysik, die in wechselnder Verdünnung auf dem Boden Deutschlands so gut gedeiht. Es gab in Österreich keine Analogie zu Fichtes Philosophie, in der sich eine in vielem geradezu revolutionäre Grundeinstellung mit nationaler und metaphysischer Vehemenz verband. Es gab keine Analogie zu den Spekulationen der Schellingianer und Hegelianer – abgesehen von einigen schwachen Ausstrahlungen – es fehlte aber in Österreich auch die durch diese Richtungen entfesselte kritische linke Opposition, die so reiche Anregungen brachte. Während die Metaphysiker Deutschlands ihre Unentbehrlichkeit vielfach dadurch nachzuweisen versuchten, daß sie den Wissenschaftern philosophischen Geist und philosophische Grundlegung der Einzeldisziplinen liefern wollten, scheint so mancher theologisierende Denker in Österreich fast froh gewesen zu sein, wenn er ein Gebiet abgrenzen konnte, innerhalb dessen er unbeengt von Dogmen wissenschaftlich kritisch tätig sein konnte. Vielleicht ist auch dies ein Moment,


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welches dazu beitrug, daß gerade in Gebieten entfalteter Kirchenmacht gewisse Seiten des modernen Scientismus durch Schaffung einer Art wissenschaftlicher Freistatt mehr gefördert wurden als in manchen Gebieten geschwächter Kirchenmacht, wo eine diffuse Metaphysik alles durchdringt.

Dies vorausgeschickt versuchen wir uns ein wenig historisch zu orientieren. Obgleich Österreich mit Deutschland schon auf Grund der Sprachgemeinsamkeit kulturell vielfältig und eng verbunden ist, haben beide Gebiete doch bereits recht früh ein verschiedenes Schicksal gehabt. Das Donaugebiet und das Rheingebiet einschließlich Hollands waren im Gegensatz zu Nord- und Mitteldeutschland durch lange Zeit Bestandteil des Imperium Romanum, dessen Einfluß auch für die von uns angedeutete Verschiedenheit nicht ohne Bedeutung war. Das Imperium Romanum hatte wichtige Positionen innerhalb seiner Grenzen immer weiter gegen Norden vorgeschoben – Trier war zeitweilig Residenz römischer Kaiser. Mittel- und Norddeutschland aber lagen außerhalb des römischen "limes".

Die moderne europäische Philosophie und damit auch der moderne Empirismus entsteht insbesondere durch den Zerfall der Scholastik, die selbst ein reduziertes Leben, vor allem im Thomismus, bis heute weiterführt. Die Einwirkungen, die von Cordoba, Rom und Byzanz ausgegangen waren, und das Mittelalter sowie die Renaissance kennzeichnen, werden immer genauer erforscht und es werden immer mehr empiristische Ansätze gefunden, die aber durch die herrschende Denkweise der Scholastik wenig begünstigt


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wurden. Eine grundsätzlich empiristische Denkweise im modernen Sinn tritt und erst spät, etwa bei einem Macciavelli, einem Galilei, entgegen. Der Schritt, den dabei Macciavelli tun mußte, war übrigens größer als der, zu dem sich Galilei entschloß, da die sozialen Vorgänge weit enger noch als die kosmischen mit der Theologie verknüpft waren. Mag man diese empiristischen Neuerungen in manchen Einzelheiten bis weit in die mittelalterliche Denkwelt hinein verfolgen können, die gelegentlich metaphysikfreie Ausführungen über physikalische oder soziologische Probleme sind dennoch Inselchen in einem Ozean metaphysischer Denkweise, die sich durch sehr entwickelte Denkmittel ihre Eigenart sicherte. Überall wurde der logisierende Empirismus gehemmt. Wenn wir metaphysikfrei formulierte Thesen antreffen, sind sie oft durchaus traditionsgebunden oder gar magischer Herkunft und uns völlig fremdartig, die wir an empiristische Kritik gewöhnt sind. Und wenn wir auch z.B. bei einem Dietrich von Freiberg, bei einem Roger Bacon gewisse Elemente der Optik antreffen, die denen verwandt sind, die bei Snellius oder Descartes wiederkehren, so dürfen wir doch nicht übersehen, daß daneben z.B. Roger Bacon die Entdeckung Americas durch Columbus sehr frühzeitig in einer Weise vorbereitete, die uns völlig abwegig scheint, aber für scholastisches Argumentieren durchaus typisch ist. Roger Bacon vertrat den Standpunkt, daß die Westküste Spaniens gar nicht so weit


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von der Ostküste Asiens entfernt sein könne, denn diese Anschauung vertrete ja schon Aristoteles. Diese These des Aristoteles sei um so begründeter als auch ein apokryphes Buch des Alten Testamentes die Behauptung aufstelle, die Wasserfläche der Erde sei sehr klein im Verhältnis zur Fläche des Landes. Und da überdies ein hochgeschätzter Heiliger erklärt hatte, man brauche von Spanien sehr lang, um gegen Osten nach Indien zu gelangen, so blieb für den Abstand Asien-Spanien auf der Erdkugel nicht mehr viel übrig. Man stützte sich im Mittelalter sehr oft auf Autoritäten, deren Befugnis, über bestimmte Dinge zu urteilen, von ähnlicher Art ist wie die berühmter Naturforscher, berühmter Weltreisender oder Politiker unserer Tage, deren Anschauungen über Dinge, die sie nicht besser verstehen können als andere Leute, man heute oft recht wichtig zu nehmen pflegt. Freilich gründet man darauf seltener als damals wissenschaftliche Anschauungen. Die ständige Verquickung empiristischer Erörterungen mit metaphysischen Spekulationen, die kritiklose Behandlung an sich empiristischer Thesen muß uns davor zurückhalten, die Bedeutung der Scholastiker für die Entstehung der modernen Wissenschaft zu überschätzen, so sehr man zugeben mag, daß man den Schnitt, den die Renaissance führte, oft überschätzt hat.

Als die Scholastik ihre Macht einbüsste, wandte sich die neu emporsteigende Wissenschaft der Erfahrung zu und von der Logik ab, die für die scholastische Denkweise so charakteristisch war. Die Logik, die sich mit Begriffen und


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Beweisen im allgemeinen abgab, schien für den Empirismus wertlos zu sein, und nur ihre Anwendung in der Mathematik wurde noch gewürdigt. Daß die Logik eine für die empiristische Praxis brauchbare Begriffsanalyse liefern könnte, wurde erst weit spät erkannt. Die Art der Ablehnung sei etwa durch eine Stelle aus dem "Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme" gekennzeichnet, wo Galilei den Salviati sich gegen die traditionelle Logik äußern läßt: "Wie jemand ein vortrefflicher Instrumentenmacher sein kann, ohne die Instrumente spielen zu können, so kann man ein großer Logiker sein, ohne genügende Fertigkeit in der Anwendung der Logik zu besitzen. Ein Instrument zu spielen lernt man eben nicht von dem, der es zu bauen, sondern von dem, der es zu spielen versteht; die Dichtkunst erlernt man durch die beständige Lektüre der Dichter, die Fähigkeit zu malen erlangt man durch fleißiges Zeichnen und Malen; und so lernt man das Beweisen aus der Lektüre der Bücher, die zahlreichen Beweise enthalten, also aus den mathematischen, nicht aber aus logischen". Man hört hier schon die Töne, die dann bei Kant weiterklingen, der die Mathematik zum Paradigma aller Wissenschaften macht und auf dem Umwege über die "Synthetischen Urteile a priori" eine neue Metaphysik begründet, während die Spitzfindigkeit der logischen Figuren sich schärfste Zurechtweisung gefallen lassen muß.

Der moderne logisierende Empirismus weiß die Bedeutung der Logistik und daher auch die ihrer Vorläuferin, der scholastischen Logik, für die Realwissenschaften besser


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zu würdigen, während der Kantianismus in gewissem Sinne die Abneigung gegen die Scholastik von der Renaissance übernahm und gerade in der Zeit neuerlich festigte, als die freie Entfaltung logischer Möglichkeiten der Wissenschaftslogik den Boden zu bereiten begann. Da man seit der Renaissance im allgemeinen die Bedeutung der logischen Konstruktion, die für die Scholastik so kennzeichnend war, geringschätzte, und den weiteren Ausbau der Logik stark vernachläßigte, entstand eine Art logisches Vakuum, das in Deutschland noch länger andauerte als in andern Ländern. Die logisierenden Bestrebungen des Mittelalters sind wohl am stärksten von Leibniz weitergeführt worden, der zwar der Scholastik in so vielem ablehnend gegenüberstand, aber doch noch eine scholastische Ausbildung genossen hatte. So führt uns der Metaphysiker Leibniz von der Logik der Scholastik zur Logistik der Gegenwart. Mag die Neigung der Scholastik, die Logik zu betonen, in vielfacher Richtung den modernen Scientismus, ja in gewissem Sinne auch die Axiomatisierung der Wissenschaften vorbereitet haben, so ist andererseits diese Neigung zur Logik aufs engste mit einer Neigung zur Systembildung verbunden. Jedes geschlossene System ist aber für den kritisch eingestellten Scientismus ein Irrlicht, eine Lüge. Und indem die Systeme der Scholastik Vorläufer der großen idealistischen Systeme waren, haben sie den Widerstand gegen die empiristische Gesamthaltung fortgepflanzt. Gerade in Mittel- und Norddeutschland, wo die


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Scholastik selbst sich nicht so kräftig entfaltet hatte, treffen wir diese Nachblüte der Systembildung an, zu einer Zeit, da in Frankreich und England bereits eine kritische philosophische Literatur breite Kreise in Bewegung gesetzt hatte. Mag auch dort manche Konzession an die herrschenden Mächte vorgekommen sein, es gab jedenfalls eine Reihe Autoren, welche ohne Systembildung mehr essayistisch und aphoristisch bald Materialismus, bald Atheismus, bald Skeptizismus, bald einen sich der theologischen Intoleranz entgegenstellenden Deismus vertraten. In Deutschland dagegen blieb es bei einzelnen Vorstößen in dieser Richtung, die keine große Resonanz fanden.

Aber wenn auch in dieser Periode, für die vor allem das 18. Jahrhundert kennzeichnend ist, die einzelnen Elemente eines umfassenden Empirismus bereits vorhanden waren, so waren sie doch nie in einem und demselben Denker vereinigt. Wenn etwa einer die Erfahrung besonders betonte, so fehlten ihm die komplementären logischen Hilfsmittel. War einer als Logiker besonders kräftig und einfallsreich, dann stellte er wohl einen Teil seiner besten Kräfte in den Dienst theologischer und metaphysischer Spekulation, ja er griff womöglich, wie etwa Leibniz, Materialismus und Atheismus energisch an.

Wir vermögen oft nicht nur die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse darzustellen, welche eine unbekümmerte wissenschaftliche Denkweise einengten und hemmten, sondern wir können häufig sogar biographisch erklären, wie eine bestimmte Zwiespältigkeit entstand. Man denke


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in wie jungen Jahren im 17. und 18. Jahrhundert bedeutende Männer schon literarisch tätig waren. Wie sehr muß eine sich anpassende advokatorische Denkweise gefördert worden sein, wenn ein Grotius mit etwa zwanzig Jahren im Auftrag der Interessenten ein umfangreiches Werk verfaßte, das beweisen sollte, daß eine private Handelskompanie unter gewissen Umständen das Recht habe, Beute zu machen. Oder wenn Leibniz in ungefähr dem gleichen Alter als Beamter eines Fürstenhofes für einen diesem Hofe nahestehenden Staatsmann ein pseudonymes Buch schrieb, um zu beweisen, daß vom Standpunkt eines polnischen katholischen Edelmannes aus nur ein deutscher Fürst für Polens Thron in Frage kommen würde.

Die sozialen Bedingungen drängten so zu allerlei Anpassungen, sie erregten aber auch Widerstand und Empörung, die zu äußern nicht immer leicht war. Die Kämpfe zwischen Adel und Geistlichkeit, zwischen Adel und Bürgertum, zwischen den einzelnen Ländern und Konfessionen gaben freierer wissenschaftlicher Denkweise gewisse Möglichkeiten. War vielleicht der eine Denker freier, wenn er metaphysische und theologische Lehrmeinungen angriff, dagegen zurückhaltend und vorsichtig, wenn soziale und politische Probleme zur Diskussion standen, so war ein anderer wieder freimütig, wenn er über die Gesellschaftsordnung, über die Rechte der Könige und ähnliches sprach, aber er kritisierte nur zögernd die theologische Metaphysik seiner Umgebung. Manchmal markierte einer kühne Angriffe, wo er zögernde Skepsis vorgezogen hätte oder


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entschloß sich zu warmer Verteidigung eines Standpunktes, wo eine sanfte Rechtfertigung ihm angemessener erschienen wäre. Für die Analyse des persönliches Lebens macht es einen Unterschied aus, ob ein Denker aus dieser oder jener Überlegung oder aus der Stimmung des Tages heraus sich äußerte. Historische Wirkungen gehen aber vom geschriebenen und gesprochenen Wort aus, und da es nicht jedermanns Sache ist, zwischen den Zeilen zu lesen, so konnte manche verklausulierte Veröffentlichung eines Freigeistes lange Zeit hindurch als Stütze der Theologen verwendet werden.

Da ständige Vorsicht den inneren Schwung oft schwächt und ganze Gebiete der Argumentation verkümmern läßt, verschieben sich auch die Elemente jener Darlegung, die politisch nicht gehemmt waren. Dadurch, daß der logisierende Empirismus als geschlossene Gesamtanschauung fehlte, wurde auch der Empirismus in den Einzeldisziplinen gehemmt, zumal man nicht selten bei gewissen Konsequenzen darauf Rücksicht nahm, nicht mit der offiziellen metaphysischen oder theologischen Meinung in Konflikt zu kommen. Alles das zusammen verhinderte es, daß die Einzeldisziplinen im Sinne einer konsequenten Einheitswissenschaft ausgebaut werden konnten. Der Empirismus des einen Teilgebietes wußte nicht allzuviel vom Empirismus in andern Teilgebiet. Auch alle Kritik an der Metaphysik hatte eine isolierende Stellung und kam nicht mit der wissenschaftlichen Einzelarbeit in richtigen Kontakt.


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Die Hemmungen der politischen und theologischen Mächte waren so stark, daß selbst die Skepsis sich nur selten vorwagte. Die Anschauung vertreten, daß man nicht eine bestimmte theologische Richtung als die einzig richtige nachweisen könne, sondern sich damit begnügen müsse, eine mehr unbestimmte Gottesanschauung zu entwickeln, sodaß eine gewisse Toleranz den verschiedenen Einzellehren, ja sogar dem Atheismus gegenüber möglich werde, stieß meist auf scharfen Widerstand. Und die Theologen wollten meist eine eindeutige Beweisführung zu ihren Gunsten erreichen, wie sie heute etwa Politiker verlangen, die sich nicht damit begnügen wollen, politische Erfolge zu erzielen. Oft verlangen sie mehr oder minder energisch, daß sogar die spezielle Haltung sich eindeutig beweisen lassen müsse. Und wer heute die Multiziplität der Prognosen betont, tritt zu solchem Pseudorationalismus, der in scheinbar rationaler Weise eindeutige Voraussagen aus wissenschaftlichen Prämissen abzuleiten sucht, in einen ähnlichen Gegensatz wie damals jemand, der die Multiplizität theologischer Anschauung gegenüber der Forderung nach einem theologischen Rationalismus zu vertreten suchte. Begreiflich, daß in jener Zeit die, welche den herrschenden Mächten Konzessionen machen mußten, sich etwa an den Beweis heranwagten, unsere Welt sei die bestmögliche. Wobei nicht übersehen werden darf, daß die Gegner solcher Theodizee z.B. Voltaire gegen Leibniz auch nicht eben


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konsequente Empiristen waren. Ja nicht einmal die große Enzyklopädie war aus einem Guß geschaffen, sondern machte Konzessionen aller Art und enthielt metaphysische Ausführungen.

Energische Vorstöße auf einen umfassenden Empirismus hin enden daher immer wieder damit, daß logische Kritik und Empirismus mit traditioneller Metaphysik, ja Theologie amalgamiert wurden. Und zwar neigt der Systematiker zu solcher Amalgamierung mehr als der Essayist und Aphoristiker, der wenigstens gelegentlich zu freierer Kritik gelangt. Das System dagegen färbt durch seine metaphysischen Teile alle Äußerungen, ganz abgesehen davon, daß, wie wir oben erwähnten, die Idee eines abgeschlossenen Systems an sich schon einen Fehlweg bedeutet, den Versuch, einen Absolutismus zu konstituieren, der gegenüber den "zufälligen" Einzelmeinungen eine "sichere Basis" zu schaffen vermöge, mag diese Sicherheit nun in der Form eines "Apriori" oder sonstwie auftreten.

Sobald aber die modernere empiristische Tendenz einsetzt und man mehr als früher sich vor grober Metaphysik hütet, nimmt die Unwissenschaftlichkeit neue Formen an, die sich mit den alten metaphysischen oft vermengen. Man kann innerhalb einer durchaus empiristischen Terminologie Argumentationen verbiegen, die Ergebnisse dadurch entscheidend beeinflussen, daß man nur gewisse Dinge analysiert, andere dagegen unanalysiert läßt, und durch Kritiklosigkeit aller Art jene Formen der Unwissenschaftlichkeit vorbereitet, mit denen man sich innerhalb eines logisierenden


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Empirismus wird auseinandersetzen müssen. Das empiristische Äquivalent der Metaphysik kann dann die Astrologie, der Okkultismus und gar manche formell empiristische soziologische oder historische Lehre sein. Das muß deshalb betont werden, damit nicht die Gefahr empiristischer Kritiklosigkeit geringer geachtet wird als die Gefahr kompakter Metaphysik.

Die idealistischen Systeme erscheinen in diesem Zusammenhang als die Nachfahren der scholastischen Systeme, deren soziale Funktion sie insofern vielfach übernehmen als sie nach allerlei Modifikationen Basis der Beamten- und Lehrer-, ja der Priesterbildung wurden. Wenn in England und Frankreich und in anderen Ländern, in denen die kritische und empiristische Tendenz sehr stark war, der Wunsch auftrat, sich metaphysischer Spekulationen hinzugeben, wurden mit Vorliebe die Formulierung Kantischer und Hegelscher Metaphysik verwendet, sodaß Deutschland zu einer Art metaphysischen Zentrale wurde. Wenn man diese Tendenz zur metaphysischen Systematik auf die Scholastik zurückführt, muß man anderseits nicht unerwähnt lassen, daß in der Scholastik auch gewisse kritische Elemente enthalten waren. Abgesehen davon, daß das Bemühen der Scholastiker, die Wissensmasse ihrer Zeit zu vereinigen, auch enzyklopädischem Bemühen günstig war, das als Vorläufer moderner enzyklopädischer Bestrebungen aufgefaßt werden kann, hat man innerhalb der Scholastik gelegentlich dazu geneigt, logisch zugespitzte Antithesen zu diskutieren, um zu erproben, welche Gründe und Gegengründe man wohl vorbringen könne. Diese Form scholastischer


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"Dialektik" war oft ein Sorgenkind katholischer Orthodoxie, die hinter solchen logisierenden Antithesen nicht mit Unrecht ein Stück Opposition witterte, den Wunsch, der unifizierenden Bevormundungen der Zentrale zu entgehen. So deutet man auch andere Bestrebungen einzelner Scholastiker, besondere Problemgruppen zusammenzufassen, als eine Flucht in ein weniger dogmatisch kontrolliertes Gebiet. Wenn auch eine "grammatica speculativa", eine "scientia generalis" nicht entfernt den Geist atmeten, den solche Namen zu verheißen scheinen, so haben sie doch wohl mit dazu beigetragen, die logische Analyse der wissenschaftlichen Sprache vorzubereiten. Solche Bemühungen mußten um so wirksamer werden, je mehr Möglichkeiten man fand, sich wissenschaftlich freier zu bewegen, wozu besonders die durch die Kirche bekämpfte Lehre von der doppelten Wahrheit viel Gelegenheit bot. Auf solchem Boden konnten viele Ansätze der Nominalisten weitergeführt werden.

Sowohl Vertreter des "Wiener Kreises" als auch Gegner des neuen Scientismus sehen daher im Nominalismus eine der metaphysischen und theologischen Systemtendenz entgegenwirkende Anschauungsweise. Die nominalistische Anschauung, daß man mit Sprachelementen sich beschäftigte, wenn man Begriffe untersuchte, führt zu sprachkritischen Lehren, die bald einen rein logischen, bald einen mehr psychologischen Charakter haben.


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In England war Russell in gewissem Sinne eine Fortsetzung des Nominalisten Occam. In dem Oxford, wo er sein "Rasiermesser" als Instrument wissenschaftlicher Analyse schliff, hatte man immer wieder viel Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften, was aber nicht hinderte, daß später dort auch der spekulative Idealismus recht gründlich vertreten war. Für England kann man wohl eine Reihe bilden, die von Roger Bacon über Occam und Bacon von Verulam in die moderne Entwicklung hineinführt. Francis Bacon betonte mit großem Nachdruck, welche Verwirrung durch die Verwendung scheinbar sinnvoller termini angerichtet werde und wenn er auch für große Forscher wie Galilei kein Verständnis hatte, so propagierte er doch mit Erfolg die Parole der beobachtenden Naturwissenschaften und förderte, wie gerade in letzter Zeit gezeigt wurde, das Verständnis für gewisse logische Fragestellungen. Hobbes, mit seiner oft derben Kritik und betont logisierenden Tendenz – was sich nicht immer mit besonderen Leistungen auf dem Gebiet der Logik deckt – und Locke sind durchaus als Vorläufer des modernen Empirismus anzusehen, vor allem aber Hume, dessen Schriften bereits unmittelbar auf Vertreter des "Wiener Kreises" einwirkten. Er, der weniger für Mathematik und Naturwissenschaften Interesse zeigte, hatte als Nationalökonom und Historiker einige Bedeutung, wie denn überhaupt in der Reihe der englischen und französischen Vorläufer des logisierenden Empirismus soziologisch interessierte Forscher eine große


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Rolle spielen. Die Wissenschaft im ganzen, ob es nun Soziologie oder Biologie oder Physik ist, ist hier die Basis empiristischer Grundeinstellung. Auch der auf so vielen Gebieten neuen gesellschaftlichen Konstruktionen zugewandte Bentham, dessen logische Schriften man zu wenig kennt, war in starkem Maße empiristisch eingestellt, wenn auch sein Utilitarismus nicht ohne metaphysische Elemente ist. James Mill hat als Nationalökonom und Vertreter einer empiristischen Gesamteinstellung die Wirksamkeit seines Sohnes John Stuart Mill vorbereitet, der dadurch besondere Bedeutung hat, daß er trotz so vieler Mängel im Ganzen und im Einzelnen sowohl in der Physik wie in den Sozialwissenschaften eine kräftige empiristische Grundhaltung vertrat, wobei sein Kontakt mit dem französischen Positivismus dazu beitrug, die der französischen und englischen Denkweise gemeinsame empiristische Grundtendenz weiter zu pflegen und den nächsten Generationen zu überliefern. In diesem Zusammenhang sei auch Whewells gedacht, der durch seine Geschichte der induktiven Wissenschaften ein Vorläufer der historischen Analysen Machs war, wenn auch Whewells Anschauung im Einzelnen metaphysische Tendenzen zeigten. Dann muß noch Spencer erwähnt werden, der in der Darstellung des Gesamtbereichs der Wissenschaften eine wichtige Aufgabe erblickte. Freilich geht’s dabei nicht ohne Metaphysik ab und seine Lehre vom "Unerkennbaren" mag an gewisse theologische Neigungen seiner jüngeren Jahre anknüpfen. Das ändert


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nichts daran, daß er jene empiristische Grundstimmung mächtig fördert, die sich später mit der logisierenden Tendenz in Bertrand Russell vereinigen sollte, dessen Bedeutung für den logisierenden Empirismus wir in seiner Verbindung logistischer Arbeit mit Wissenschaftslogik erblicken müssen. Russells Interesse für sozialwissenschaftliche und pädagogische Fragen hat ihn freilich noch nicht dazu geführt, auch diese Gebiete einer strengeren logischen Analyse zu unterwerfen. Dennoch haben seine wissenschaftslogischen Bemühungen den logisierenden Empirismus ungemein gefördert. Er kennzeichnet einen Wendepunkt. Das Bemühen, logisierende Kritik und empiristische Grundhaltung zu verknüpfen wird immer kräftiger und lebendiger. Bertrand Russell hat gerade in dieser Richtung eine große pädagogische Wirkung ausgeübt, da er die mehr logistisch Interessierten zu wissenschaftlich logischen Betrachtungen führte, umgekehrt die Antimetaphysiker, die in seinen Schriften Rat suchten, mit moderner Logik bekannt machte. In Europa ebenso wie in Amerika können wir Russells Wirkungen verfolgen, auch bei denen, die im einzelnen andere Wege gegangen sind wie er.

Eine ähnliche Filiation wie in England können wir in Frankreich feststellen. Was der Nominalismus von Oxford für England war, war in gewissem Sinne der Nominalismus von Paris für Frankreich, ja für den Kontinent. So scheint man den Wiener Nominalismus auf den Pariser zurückführen


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zu können, auf die Einflüsse eines Buridanus, eines Oresmius im 14. Jahrhundert, der wie so viele umfassende Denker sich auch mit nationalökonomischen Arbeiten beschäftigte, die manches bringen, was erst in späterer Zeit Allgemeingut der nationalökonomischen Diskussionen werden sollte. Wenn auch Descartes in hohem Masse metaphysisch-theologisch eingestellt war, so ist doch bei ihm ein umfassender Empirismus, der weit ins biologisch-psychologische hineinreicht, so stark entwickelt, daß wir ihn zu den Vorläufern des modernen Scientismus rechnen können. Seine Auffassung von der Bewegung als einer Beziehung zwischen Körpern bereitete gewissermaßen die Mach-Einsteinschen Gedankengänge vor, während sich z.B. Euler und Kant dieser Auffassung entgegenstellten. Über Bayle, über die Materialisten des 18. Jahrhunderts, über D’Alembert und die anderen Enzyklopädisten führt der Weg bereits ganz ins moderne Gebiet hinein. Als unmittelbare Vorläufer der Bemühungen, eine Einheitswissenschaft aufzubauen, seien Saint-Simon, Comte, Cournot genannt, für die der Scientismus bereits expressis verbis eine Rolle spielt. Wenn wir das Bemühen, die Hilfsmittel der Wissenschaft allseitig anzuwenden, (Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung auch im Bereich der Sozialwissenschaften) hervorheben, dann wieder das Bemühen, alle Wissenschaften als Ganzes zu umspannen, so wollen wir nicht übersehen, daß dabei viel Metaphysik mit unterlief und von einer logisierenden Kritik nicht ernstlich die Rede war. Aber


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die kräftige wissenschaftliche Gesamthaltung, die so entstand, hat in Frankreich den Boden vorbereitet für die logisierende Analyse eines Duhem, eines Abel Rey, eines Poincaré, die, in gewissem Sinne Vertreter eines logisierenden Empirismus, dennoch nicht frei von allerlei Metaphysik sind. Aber wir sehen bei Poincaré ähnlich wie bei Russell, wie der Empirismus und die logisierende Kritik, zueinander finden, sodaß das 20. Jahrhundert die systematische Behandlung wissenschaftslogischer Probleme beginnen kann.

Diese Linien vom Nominalismus bis zur Gegenwart scheinen einem Vertreter des modernen Scientismus nicht unplausibel und mit Spannung sieht man einer historischen Gesamtübersicht entgegen, die die Entwicklung der Hauptelemente des logisierenden Empirismus in ihren eigenartigen Verflechtungen aufzuzeigen versuchen würde. Mit Interesse nimmt man zur Kenntnis, daß auch der frühere Positivismus in Polen einen Vorläufer im Krakauer Nominalismus hat, dessen empiristische Grundhaltung einen Nikolaus Kopernikus hervorbringen half. Wir können für England, Frankreich, Polen und andere Länder eine Art Entwicklungsreihen skizzieren, die etwa vom Nominalismus, über Positivismus, Materialismus, zum logisierenden Empirismus unserer Tage führen – aber eine solche Reihe fehlt für Deutschland. Dort kam es zu keinen empiristisch gerichteten zusammenfassenden Leistungen, wie sie etwa Comtes positive Philosophie ist. Aber selbst Teilgebiete des Scientismus wurden nur selten energisch in Angriff genommen. Von den umfassenden deutschen Denkern


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ist Leibniz der erste und letzte, der für den logisierenden Teil des Scientismus entscheidendes geleistet hat und als eigentlicher Vorläufer der modernen Bestrebungen des logisierenden Empirismus bezeichnet werden kann. Leibniz, der den Tod des Descartes und die Geburt Humes erlebte, führt von der Scholastik in die Gegenwart hinein. Seine Lehren haben unmittelbar auf österreichische Denker immer wieder eingewirkt und sind so auch für den "Wiener Kreis" bedeutsam geworden. Im Gegensatz zu Kant, der ständig in Königsberg lebte, war Leibniz viel in der Welt herumgekommen und hatte vor allem französische, englische und holländische Denker persönlich kennengelernt. Und mögen auch viele seiner Schriften, insbesondere der politischen mehr "Lokalkolorit" aufweisen als die Kants, der sich zu viel allgemeineren Betrachtungen sozialer und politischer Art aufschwang, so repräsentiert doch Leibniz weit mehr die Gesamtwelt des Westens als Kant. Vielleicht hängt der Einfluß, den Leibniz auf österreichische Denker ausgeübt hat, auch damit zusammen, daß er sich kurz vor seinem Tode zwei Jahre lang in Wien aufgehalten hat, wo er für den kaiserlichen Feldherrn Eugen von Savoyen eine Darstellung seiner Monadologie schrieb.

Die Antizipationen eines Leibniz in Logik und Mathematik sind erstaunlich. Sein logistischer Schwung, sein Drang, die Gesamtheit der Wissenschaften innerhalb eines Panlogismus zu bearbeiten, konnte nicht aus dem Empirismus der Einzeldisziplinen 


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geboren werden, deren Bedeutung für die Entwicklung des Empirismus, auch was die Begriffsanalyse angelangt, im übrigen nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Der metaphysische Rationalismus schuf z.B. auch den Stimulus, eine wissenschaftliche Einheitssprache zu schaffen und die logische Grundlage für alle Wissenschaften zu schaffen.

Obgleich Kant weit mehr als Leibniz darauf aus ist, die Denkweise der Wissenschaften überhaupt zu analysieren und ihre empiristischen Züge richtig wiederzugeben, gleitet er doch, wie wir sahen, sehr rasch in metaphysische Betrachtungen seiner Erkenntnistheorie ab, während Leibniz immer unmittelbar mit dem logistischen Instrument zu hantieren bemüht war. Demgegenüber lehrte Kant die Logik geringschätzen, die seiner Anschauung nach keinen wesentlichen Fortschritt seit Aristoteles erzielt habe.

So bestätigte Kant die Haltung all der Wissenschaftler, die erbittert über die Hemmungen der Scholastik, mit deren Spekulation die Logik mit ausgeschüttet hatten. Während sie die Mathematik, deren logische Grundlagen wenig behandelt wurden als Werkzeug ausbildeten, taten sie nicht das gleiche mit der Logik und hemmten dadurch die raschere Entwicklung der empiristischen Gesamthaltung. Gerade dadurch, daß die Aufmerksamkeit auf Beobachtungssätze, Induktion und mathematisch formulierbare Korrelationen gelenkt wurde, also auf das, was man als Inbegriff des Empirismus zu bezeichnen pflegte, übersah man, daß in der wissenschaftlichen Sprache selbst eine Fülle von Metaphysik stecke, deren Elimination fallweise durch gelegentlichen


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Scharfsinn einzelner, nicht aber durch systematische wissenschaftslogische Analyse erfolgte. Leibniz wurde durch die Überschätzung logischer Kombinatorik, die in gewissem Sinne an vage Versuche eines Raimundus Lullus und anderer anknüpfte, zu ernstestem Bemühen anregt, das auch praktisch-enzyklpädisch gerichtet war und immer wieder organisatorische Ziele zu fördern suchte. Couturat, der selbst eine "Metaphysik des Rationalismus" zuneigte, schildert zusammenfassend, wie Leibniz daranging, "de fonder une société de savants", um das "Opus Magnum" als konkrete Aufgabe in Angriff zu nehmen, das umfassen müßte "l. une Bibliotheca contracta qui serait le résumé des connaissances contenues dans les livres. 2. un Atlas universalis, qui réunirait toutes les figures, tableaux, schémas, propres à illustrer et à compléter l’encyclopédie; 3. un Cimeliorum literariorum corpus c’est-à-dire une collection de documents inédits ou rares; 4. un Thesaurus experientiae, receuil d’observations et d’expériences de toutes sortes (physique, médecine, industrie); 5. enfin, la Vera Methodus inveniendi ac judicandi, qui comprend l’Analytique et la Combinatoire; c’est la Logique telle que la conçoit Leibniz, qui doit servir à ordonner tous les materiaux énumérés suivant l’enchainement logique des vérités, et à les completer en tirant par déduction toutes les conséquences nécessaires." Kurzum der in vielfältiger Weise durchdachter Plan einer Enzyklopädie, aufgebaut mit dem Mittel einer planmäßig gestalteten


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wissenschaftlichen Sprache. Wobei wir freilich unterstreichen müssen, daß dieser Plan, der den empiristischen Wissenschaften breiten Raum einräumte, auch die Metaphysik und Theologie grundsätzlich berücksichtigen sollte. So sehr seine Anschauungen Beachtung fanden, so wenig gelang es ihm, für solche umfassende Pläne Unterstützung zu finden. Den späteren Arbeiten der Enzyklopädisten aber fehlte gerade die logisierende Grundtendenz, die für den Metaphysiker und Antimaterialisten Leibniz so kennzeichnend ist.

Von Leibniz führt in Deutschland der Weg zu Christian Wolff, dessen stark systematisierende Tendenz der Metaphysik Boden bereiten half. Es folgte Kant und die Kantianer, mit Fichte, Hegel, Schelling. Ein Denker mittleren Ranges wie Lambert, der voll logistischer Probleme war, konnte im Schatten Kants keine nachhaltige Wirkung ausüben. Ähnlich erging es in Deutschland anderen kritischen Köpfen wie dem Physiker Lichtenberg, der in mehr aphoristischer Weise sich gegen die Metaphysik wehrte. In weitem Gebiet regierte das Monopol der Hegelianer und Schellingianer, die ihren verwirrenden Einfluß auch auf die Wissenschaften ausübten. Von ihnen ging freilich eine belebende Wirkung aus, die insbesondere für gewisse Problemstellungen soziologische Art nicht unterschätzt werden darf. Gegenüber dem so unhistorisch eingestellten Materialismus des 18. Jahrhunderts bedeutet der Hegelianismus mit seinen großzügigen geschichtsphilosophischen Versuchen eine entscheidene Neuerung, deren enge Verknüpfung mit der Romantik oft aufgezeigt wurde. Die Anregung Hegels


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und anderer Denker, historische Wandlungen in ihrer umfassenden Bewegtheit zu beschreiben, schuf eine linke[?] Opposition, die Antimetaphysik bereichert um den historischen Schwung betrieben. Aber diese Opposition, aus der die moderne Geschichtsauffassung des Sozialismus hervorging, wurde entweder beiseite geschoben oder ging außer Landes (Feuerbach, Marx, Engels).

Gerade die Betonung der logischen Grundlagen der Wissenschaft kennzeichnet diese Opposition, die aber zu einer logischen Analyse so wenig vorstieß wie die ihr in Frankreich entsprechende Gruppe der Positivisten um Saint Simon und Comte. Der antimetaphysische, empiristische Flügel der deutschen Philosophie konnte sich in Deutschland nicht entfalten. Wie schlecht ging es Beneke, der den Versuch machte, den "kategorischen Imperativ" zu entthronen und Bentham den Deutschen zu vermitteln. Wie wenig konnte sich Fries betätigen, der wahrlich den überlieferten Lehren recht nahestand. Er ist vor allem durch Nelson mit der modernen scientistischen Bewegung Deutschlands verknüpft.

Welch andere Resonanz hatten bei allem Widerstand schließlich Denker wie Schopenhauer oder Eduard von Hartmann, die sozusagen im Pessimistischen das an Metaphysik brachten, was andere im Optimistischen gebracht hatten. Aber auch sie konnten gegen die Welle, die von Kant, Fichte, Schelling, Hegel ausging nicht aufkommen, so wenig dies die Herbartianer konnten,


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die trotz reichlicher Metaphysik mit ihrer nüchternen Art sich nicht durchsetzten. Sie, die in so vielem an Leibniz anknüpften, ohne allerdings von seiner Vielseitigkeit, dem sprühenden Geist seiner logisierenden Tendenz ergriffen zu sein, behielten kaum Luft zum Atmen.

Herbartianer wares es vor allem, die in Österreich und Wien Ideen von Leibniz, auch seinen Utilitarismus, pflegten. Ihrer Grundtendenz lag auch eine Mathematisierung der Psychologie nahe und eine Neigung zum Empirismus in jeder Form. Wir wiesen darauf hin, daß man in Österreich den antikantianischen, mehr Leibnizianischen Herbartianismus begünstigte sowie andere verwandte Richtungen, die auch für die Gedankengeschichte der Tschechoslowakei wesentlich wurden, weil man im Kantianismus ein Stück französische Revolution sah. Es ist verständlich, daß Regierung und Kirche einerseits den Antikantianismus begünstigten, anderseits aber auch wieder vor dem neuen Scientismus zurückschreckten, den sie selbst förderten. Bolzano, der Verfasser der "Wissenschaftslehre", der "Paradoxien des Unendlichen"und anderer bedeutender Schriften, die erst heute voll gewürdigt werden, wurde bald begünstigt, bald verfolgt. Bei ihm, der bis zu seinem Lebensende katholischer Priester blieb, nahm wie bei anderen antikantianischen Philosophen Österreichs, die theologische Erziehung genossen hatten oder viel mit theologischen Erzogenen in Kontakt waren, die theologische Neigung breiten Raum


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ein. Aber diese theologisierenden Neigungen hinderten Bolzano nicht, sich auf gewissen Gebieten besonders strenger wissenschaftlicher Reflexion und Analyse zu widmen.

Er wurde schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von seinem Prager Lehrstuhl entfernt, wo er einen aufgeklärten Katholizismus vertrat und in seinen Erbauungsreden eine neue Verfassung und eine neue Gesellschaftsordnung verkündete. Später wandte er sich unter dem Einfluß der Lehren Saint Simons und anderer Franzosen einer Art von Sozialismus zu. Hier sei eine nicht uninteressante Parallelverschiebung angemerkt; der jüngere Brentano wandte sich mit seinem empirisch-psychologischen Interessen dem ebenfalls jüngeren Comte (und den Engländern) zu. So wie man hervorheben muß, daß die priesterliche Ausbildung Bolzano – dasselbe gilbt auch für Brentano, der ebenso wie sein Schüler Marty erst katholischer Priester war – nicht hinderte, gewisse besonders strenge logische Analysen auszubauen, muß man anderseits nie übersehen, daß diese Art abgekapselter Logik und nüchterner Analyse sehr fern vom wissenschaftlichen Empirismus ist, so trefflich sie das Instrumentarium vorbereiten mag, dessen der wissenschaftliche Empirismus bedarf.

All diese katholischen Priester hatten eine gewisse scholastische Bildung schon infolge ihres Studienganges genossen, Brentano war sogar ein genauer Kenner der Scholastik. So wird es verständlich, daß sie zwar


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einerseits eine bei Kantianern ungewöhnliche Achtung vor den logischen Operationen hatten, die sie zu Untersuchungen über die Grundlagen der Mathematik und Logik sowie zu Sprachanalyse verschiedenster Art antrieb, anderseits aber auch theologische Gedankengänge bewahrten und ihren Schülern übermittelten, die denn auch nicht selten eine heftige Abneigung gegen den Scientismus zum Ausdruck bringen. Ein wenn auch wesentlich anderes Analogon zu dieser Kombination von Theologie und kritischer Wissenschaftslogik treffen wir in Frankreich etwa bei Pierre Duhem an, der für die Entwicklung des "Wiener Kreises" von großer Bedeutung war.

So bietet sich in großen Zügen ohne besondere historische Analyse das Bild der Entwicklung in Österreich dar. Auffällig ist, wie früh hier die logisierende Analyse auftritt, die sich in Frankreich später entwickelte, obgleich dort der Empirismus stärker und früher als anderswo als prinzipielle Haltung sich entfaltet hatte. Diese Eigenart der österreichischen Entwicklung, unter Ablehnung des kantischen Zwischenspiels an vorkantische, logisierende, utilitaristische und in gewissem Sinne empiristische Grundtendenzen anzuknüpfen, wurde programmatisch vertreten. Ein Beispiel für viele: In Wien lehrte der Herbartianer Professor Robert Zimmermann, den Bolzano persönlich in mathematisches und exaktes Denken eingeführt hatte. 1847 gab er die Monadologie in deutscher Übersetzung heraus. Es ist bemerkenswert, wie er in der Vorrede von seinem österreichischen


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Standpunkt das Vordringen des an Leibniz orientierten Herbartianischen Realismus in seiner Gesamtbedeutung für die deutsche Philosophie überschätzte; diese Fehlmeinung ist ebenso wie vieles andere in dieser Vorrede, aus der wir ein paar Stellen bringen, ungemein charakteristisch für die Sonderathmospähre Wiens: "Noch vor ganz kurzer Zeit dachte man, wenn von deutscher Philosophie die Rede war, beinahe ausschließlich an Kant und seine Nachfolger, mit welchen das Licht in der Finsternis aufgegangen sei. Was vor ihm auf diesem Felde geschehen, ignorierte man entweder ganz oder man glaubte es mit dem Namen Wolffianismus und Dogmatismus hinlänglich abgefertigt zu haben. Selbst Leibniz, dem es manche nicht verzeihen konnten, daß er französisich geschrieben, war zum großen Teil Tradition. Von seinem bedeutenden Einfluß auf die Folge- und Neuzeit war wenig die Rede. Die hat sich im letzten Decennium mit einemmal geändert. Der Idealismus und die Identitätsspekulation scheinen ihre Rolle ausgespielt, das Denken, besonnener, ruhiger, praktischer geworden, scheint Lust zu haben zum Realismus zurückzukehren, um wenigstens einen sicheren Boden unter den Füssen zu fühlen. Eine revolution conciliatrice prophezeit Willm in Straßburg in seiner Preissschrift: De la philosophie allemande, qu’il est impossible de caractériser tant que M. de Schelling n’aura pas achevé l’oeuvre du système définitif qu’il promis à l’Europe. Der bisherige Erfolg


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desselben scheint nicht zu verraten, daß es das künftige Schiboleth ausmachen werde. Jene Revolution erwartet der Franzose von dem Realismus Herbarts.

In Leibniz, diesem allumfassenden Denker, finden sich die Keime aller seiner Nachfolger und die Spuren aller seiner Vorgänger. Daß sich von der Identitätsphilosophie wenig bei Leibniz findet, ist leicht begreiflich, denn er, dem die Mystiker ein Greuel waren, war auch der Alleinheitslehre so abhold, daß er Spinozas Werke noch in späteren Jahren als absurdité bezeichnete.

Wir wünschen lebhaft, daß recht viele Freunde der Philosophie sich bewegen liessen, dieser Schrift ihre Teilnahme zu schenken, welche der großen Eugen so hoch hielt, daß er, wie Graf Bonneval erzählt, sie den Freund nur küssen ließ und dann wieder in sein Kästchen einschloß, wie Alexander die göttlichen Gesänge des mäonidischen Sängers."

Zimmermann, der sich in seine Schriften viel mit Leibniz und seinen Beziehungen zu Herbart beschäftigte, starb erst 1898 und reichte so mit seinem Wirken bereits in die unmittelbare Gegenwart hinein. Brentano, nur 14 Jahre jünger als Zimmermann (geboren 1838) wirkte in Wien mehr kritisch und logisch anregend als metaphysisch. Sein Schüler Husserl, der in Deutschland wirkte, hatte unter seinen Schülern idealistische Metaphysiker mit zum Teil theologisierendem Einschlag – man denke an Max Scheler,


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Heidegger, Conrad-Martius, während sich z.B. der Husserlschüler Felix Kaufmann in Wien vorwiegend mit logisch-analysierenden Arbeiten beschäftigt, die ihn in die Nähe des Wiener Kreises führen. Der Wiener Hans Pichler, der von Leibniz und vor allem von Christian Wolff ausgegangen war, wirkt in Deutschland als ausgesprochener Metaphysiker. Brentanos Arbeiten wurden unmittelbar durch Kastil, Marty (Sprachtheorie) und Oskar Kraus fortgesetzt, der zwar ein scharfer Gegner des modernen Scientismus ist, aber z.B. durch seine utilitaristische und sprachkritische Denkweise dem Scientismus näher steht als Metaphysiker wie Heidegger und andere. Auch Meinong, dessen Gegenstandstheorie für die Vertreter eines logisierenden Empirismus immer anregend war, kam von Brentano her. Meinongs Schüler Mally beschäftigt sich auch mit Logisitik. Von Brentano ging Twardowski (Lemberg) aus, der das Interesse für die Probleme der modernen Logistik in Polen weckte, als deren typischer Vertreter Jan Lukasiewicz gelten kann, der in Warschau wirkt. Dort ist auch Kotarbinski tätig, dessen dem Physikalismus verwandte Anschauungsweise der des Wiener Kreises besonders nahesteht. In Lemberg selbst wirkt (neben einem Vertreter der Phänomenologie Ingarden, der sich auch um die Analyse der Anschauungen des "Wiener Kreises" bemüht), Ajdukiewicz als Vertreter der Lemburg-Warschau Schule, der eine ganze Reihe bekannter Denker


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angehören. Es ist jedenfalls bemerkenswert, daß man auch hier den Einfluß der oben geschilderten Wiener Atmosphäre spüren kann, wenn auch der "Wiener Kreis" erst sehr spät mit dem Lemberg-Warschauer Kreis in Verbindung getreten ist. Übrigens haben gewisse Machsche Gedankengänge vor allem auf dem Umweg über Deutschland in Polen Eingang gefunden. Wie schon bemerkt ist in der Tschechoslowakei ebenfalls eine stark positivistisch-empiristische Tendenz festzustellen, wie sie z.B. auch Masaryk vertritt.

Dies mag genügen, um die Ausstrahlung der Wiener logisierenden Metaphysik nach Graz, Innsbruck, Prag, Lemberg, Freiburg im Breisgau usw. zu kennzeichnen. In Wien selbst wurde die logisierende Tendenz der Brentanoschule durch einen Mann vertreten, der durch Veranstaltung von Diskussionen über Grundlagen der Physik die ersten Anfänge des "Wiener Kreises" zu Beginn des 20. Jahrhunderts förderte: Alois Höfler, Professor der Pädagogik an der Universität Wien. Die Veröffentlichungen der "Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien", die er lange Zeit leitete, zeigen, wie stark damals alle jene Probleme erörtert wurden, die später innerhalb des "Wiener Kreises" eine wichtige Stelle einnahmen. Der Vorgänger Höflers war noch ein Herbartianer. Erst später sind auch Kantianer an der Wiener Universität tätig gewesen, so jetzt Reininger.


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Neben Höfler war es der Einzelgänger Stöhr, der meist an Mach anknüpfend durch seinen Kampf gegen die "Glossurgie", das ist gegen die Philosophie, die auf den Gebrauch der Zunge zurückzuführen ist, durch seine "Algebra der Grammatik" und deren seine Versuche, eine Atomtheorie systematisch darzustellen, seine Hörer von einer kantianischen und idealistischen Denkweise fernhielt und sie zu logisierenden Betrachtungen hinführte; die Metaphysik nur als "stilgemäße Dichtung" gelten ließ. Aber die empiristische Grundtendenz vertrat vor allem Ernst Mach, der freilich erst spät von Prag nach Wien kam, wo er einen Lehrstuhl für "Philosophie der induktiven Wissenschaften" erhielt. Sein Nachfolger wurde bald der Physiker Boltzmann (der übrigens in freundschaftlicher Beziehung zu Brentano stand). Er veröffentlichte sehr eingehende Arbeiten über den axiomatischen Aufbau der Mechanik und Elektrodynamik, pflegte aber sonst mehr eine derbe Antimetaphysik. Seine Deutung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik als Wahrscheinlichkeitsaussage gab zu vielen grundsätzlichen wissenschaftslogischen Betrachtungen Anlaß. Die von Mach vertretene Antimetaphysik war damals in Wien nicht etwa Vereinzeltes. Eine ganze Generation war, im Gegensatz zu Deutschland, im Sinne positivistischer, utilitaristischer, empiristischer Gedankengänge aufgewachsen. War der Antikantianismus Österreichs bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein zu einem nicht unwesentlichen Teil Ergebnis einer antirevolutionären Haltung der Regierungs- und Kirchenkreise gewesen,


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so wurde er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Teil eine Konsequenz der Niederlage Österreichs bei Königgrätz 1866. Der politische und ökonomische Liberalismus, der nun regierungsreif wurde, machte die Universitäten zum Stützpunken einer im ganzen antikirchlichen Haltung, die sehr oft eine deutschnationale, und damit antihabsburgische Färbung annahm, was insbesondere um die Jahrhundertwende immer deutlicher zutage trat. Viele hervorragende Gelehrte wurden als Vertreter des Liberalismus Mitglieder des Abgeordneten- und auch des Herrenhauses. Und selbst nach dem Sturz des liberalen Regimes in Österreich und in Wien war auf den Universitäten eine oppositionelle Haltung gegen Kirche und Hof nichts Ungewöhnliches – ganz im Gegensatz zu den Universitäten Deutschlands. Gerade der Umstand, daß viele Universitätshörer und Universitätslehrer mit Deutschland sympathisierten, trug mit dazu bei, diese oppositionelle Haltung zu verstärken. Einzelne Universitätslehrer beteiligten sich an der Los-von-Rom-Bewegung, nur wenige wurden gerade deshalb ernannt, weil sie der Kirche oder der Krone besonders genehm waren. War in den Universitätskreisen besonders der deutschnationale Standpunkt verbreitet, so gab es unter den übrigen Intellektuellen viele, die der nationalen Denkweise fremd gegenüberstanden und mehr die Idee der liberalen Aufklärung, später auch die des Sozialismus vertraten, zusammen mit Utiliarismus, Pragmatismus, Empirismus in verschiedenenartigen Mischungen. Der Prozentsatz solcher


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bewußt antimetaphysisch eingestellter Menschen war in Wien sicherlich größer als in den Universitätsstädten Deutschlands. Es wäre eine vergleichende Studie, die sich mit dieser Tatsache beschäftigte, jedenfalls aufschlußreich. Wir sehen, wie sich in dieser für Österreich neuartigen Umgebung von Industrie und Technik, Liberalismus und Arbeiterbewegung, Wissenschaftspflege und Volksbildung auch die wissenschaftliche Gesamtauffassung, die vor allem an englische und französische Tradition anknüpfte, ihren Platz sicherte. Und wie einst der Wiener Astronom Littrow das Werk von Whewell über die Geschichte der induktiven Wissenschaften übersetzt hatte, so übersetzte Theodor Gomperz, der als Fachmann für antike Philosophie berühmt war, in der Periode des Liberalismus Mills Werke ins Deutsche, so wie später der Sozialist Friedrich Adler die Schrift Duhems über Ziel und Struktur der physikalischen Theorien. Den Utilitarismus und Positivismus berücksichtigte – im Gegensatz zu den deutschen Universitäten – Friedrich Jodl, zuletzt Professor der Philosophie in Wien. Dort trugen auch einzelne große wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiete der Physik, der Psychologie, der Sozialwissenschaften dazu bei, die antitraditionelle Haltung des werdenden Scientismus entscheidend zu stützen.

Es ist für die durch die üblichen Darstellungen so wenig bekannte Vorbereitung des modernen Scientismus in Wien kennzeichnend, daß auch Theodor Gomperz’ Sohn Heinrich Gomperz, ebenfalls Professor an der


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Universität Wien, nicht an den Kantianismus anknüpfte, sondern in gewissem Sinne an Avenarius, der ebenso wie Nietzsche nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz wirkte. Sowohl Nietzsche mit seiner Kritik der Metaphysiker als auch Avenarius mit seiner Kritik der metaphysischen Verdoppelung haben für die Entwicklung des "Wiener Kreises" unmittelbare Bedeutung gehabt. Neben Schülern Herbarts, die sich in Österreich entfalten konnten, wirkte z.B. in Wien an führender Stelle im Rahmen der Lehrerbildung Friedrich Dittes, der von dem Antikantianer Beneke herkam, den wir bereits oben genannt haben. So kamen in Österreich vor allem die antikantianischen und antimetaphysischen Strömungen Deutschlands zur Auswirkung. Viele soziologisch gerichtete Gegner traditioneller Denkweise wie Jerusalem, Goldscheid und andere seien nur erwähnt, wobei der Einfluß des in vielfacher Richtung empiristisch gerichteten Austromarxismus nicht vergessen werden soll, dessen theoretische Arbeiten auch auf solche wirkten, die ihn in der praktischen Politik als zu revolutionär oder zu wenig revolutionär ablehnten.

Die hier skizzierte Denkwelt war am meisten der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts verwandt. Ihr entsprach nicht die Schaffung von Denksystemen, sondern von mehr aphoristischen Formulierungen, die von wissenschaftlicher Gesamthaltung und praktischer Betätigung getragen wurden.


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Wie charakteristisch ist da ein Mann wie Popper-Lynkeus, der, ein intimer Freud Machs, sein ganzen Leben hindurch sich gegen Metaphysik und Theologie auflehnte. Als eine Art Voltairianer – er schrieb eine Apologie Voltaires, der in der deutschen Literatur sich meist scharfe Zurechtweisung gefallen lassen muß – vertrat er pazifistische Ideen, trat für eine planmäßige Organisation der Wirtschaft (Allgemeine Nährpflicht) ein und gehörte mit zu denen, die von Anfang an das Werden des "Wiener Kreises" teilnehmend begleiteten.

Antimetaphysik, empiristische Gesamtauffassung, Tendenz zur planmäßigen Logisierung und Mathematisierung aller Wissenschaften: diese vier Hauptelemente des modernen Scientismus waren, wie wir sahen, in Österreich und Wien in ähnlicher Weise wie in Frankreich und England, wenn auch nicht durch eine so lange Tradition vorbereitet. Jetzt galt es diese vier Elemente zu vereinigen. Man kann eine Tabelle anlegen, die in grober Weise etwa diese vier Elemente zeigt, und dann für jede Lehre die sie charakterisierende Kombination von den 16 möglichen ein tragen, die sich ergibt, wenn man den einzelnen Elementen, je nachdem ob sie der betreffenden Lehre besonders kräftig oder gar nicht auftreten, ein plus oder minus zuordnen. Dann sehen wir, wie etwa die pyothagoreisch-platonische Denkerfamilie der Mathematisierung ungemein zugetan ist, ja die Mathematik mit einer Art religiösen Pathos behandelt, ein Pathos, aus dem heraus z.B. Kepler nach Gottes heiliger Klaviatur in dem


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empirischen Material mit größter Zähigkeit suchte, annehmend, daß irgendwie die wunderbaren gleichflächigen Kristallfiguren des Plato in der Harmonie der Sphären aufscheinen werden. Solche mathematisierende Tendenz knüpfte oft auch an atheistische Magie und Kabbala an. Es ist nicht uninteressant zu sehen, daß die im ganzen antimetaphysischen Epikureer, die dem nüchternen Blick eine entzauberte Mannigfaltigkeit des Alltags zu zeigen versuchten, sich mehr um Freundschaft und menschliches Glück als gerade um Förderung der Erkenntnis kümmerten, wie denn auch aus ihrem Kreise so wenig Gelehrte und Mathematiker hervorgingen. Sie beschäftigten sich zwar mit dem wichtigen Gedanken, daß man grundsätzlich zu einer Multiplizität der Einsicht kommen müßte, hatten aber nicht sehr viel Interesse für Empirismus. Während wir unter der Rubrik "Mathematisierende Tendenz" bei den Pythagoreern ein kräftiges Plus eintragen müßten, entfällt auf die Epikureer eher ein Minus. Die Scholastik wieder bekäme ein Plus in der Rubrik "Logisierende Gesamttendenz", während wir bei ihr keine Antimetaphysik, keine besondere Neigung zum Empirismus, aber auch keine ausgesprochene Neigung zu einer Art Panmathematik antreffen. Die genannten drei Gruppen, die alle nicht einen wissenschaftlichen Empirismus mit Pflege des Experiments, Beobachtung usw. vertraten, hatten aber je eine positive Rubrik zu verzeichnen, die etwa bei einem Denker wie Fichte fehlt, der ein Metaphysiker ohne wesentliche Tendenz zu wissenschaftlicher Pflege des Empirismus


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und auch ohne Neigung zu umfassender Logisierung oder Mathematisierung ist. Wenn eine Richtung zwei von den bedeutsamen Elemente: antimetaphysische, logisierende, mathematisierende Gesamthaltung aufweist, dann weist sie im allgemeinen auch empiristische Grundtendenz auf. Hingegen finden wir oft voll entwickelte empiristische Haltung z.B. bei Wissenschaftlern des 18. Jahrhunderts, die sonst kräftige Metaphysiker sind und fern von logisierenden und mathematisierenden Tendenzen ihre Wissenschaft ernsthaft betreiben. Auch Kant setzte sich für die damals traditionellen exakten Wissenschaften ein, räumte der Mathematik eine besondere Stellung ein, nicht aber, wie wir sahen, der Logik. Er ist Metaphysiker auch dann, wenn er nicht von Gott, Unsterblichkeit und dem kategorischen Imperativ spricht. Demgegenüber treffen wir bei Brentano zwar auch Metaphysik an, aber ebenso Sinn für die empirischen Wissenschaften, vor allem aber für jene logisierende Betrachtungsweise, die wir bei Leibniz in vollster Entfaltung finden, bei dem überdies die Mathematik eine führende Rolle spielt; abgesehen von seiner starken Metaphysik steht Leibniz dem modernen Scientismus durch seinen Sinn für wissenschaftliche Arbeit, durch sein vehementes Interesse für logistische und mathematische Durchdringung der Gesamtwissenschaft sehr nahe. Compte, der im Gegensatz zu Leibniz ein bewußter Antimetaphysiker war – was nicht im Widerspruch dazu steht, daß er mancherlei Metaphysik in seinem Hauptwerk vertritt – und


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die Gesamtwissenschaft als konkrete Aufgabe anpackte, fehlte jene logisierende Grundtendenz, die wir gerade bei Leibniz so sehr hervorgehoben haben. Greifen wir, um diese sehr grobe Klassifikation anschaulicher zu machen, etwa die Pythagoreer, Epikureer, Scholastiker, Leibniz, Kant, Fichte und den Scientismus heraus:

 

Antimetaphysische Grundtendenz

Starker Emprirismus

Umfassende Logisierung

Betonung der Mathematik

Pythagoreer

+

Epikureer

+

Scholastik

+

Leibniz

+

+

+

Kant

+

+

Fichte

Scientismus

+

+

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Solche Betrachtungsweise regt dazu an, gewissermaßen die einzelnen Elemente des Scientismus – man müßte mehr Elemente berücksichtigen und sie feiner abstufen – herauszuarbeiten und unter Vermeidung einer bloßen Dichtomie die vielgestaltigen historischen Wege überschaubar zu machen. Und wenn wir heute dem Scientismus eine besondere Chance zubilligen, so auch deshalb, weil ihm eine neuartige Aufgabe vorbehalten ist, die Verknüpfung der hier angedeuteten vier


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Elemente: Antimetaphysik, Empirismus, Logisierung und Mathematisierung der Gesamtwissenschaft. Meinen wir, daß wir mit Hilfe des Scientismus und seiner Analyse der wissenschaftlichen Sprache systematische Erfolge in großer Zahl erringen könnten, die bisher sozusagen nur gelegentlich erzielt wurden, wenn gerade eine Konstellation einem Denker günstig war, so stützen wir solche Hoffnung eben darauf, daß eine neue Kombination von Elementen versucht wird, also eine neue Maschine, die wir eben bauen.

Jener "Rationalismus", den wir bei Leibniz als metaphysisches Prinzip, als obersten Richter ablehnen, steigt sozusagen herunter in die Ebene der Wissenschaft. In welchem Maße die Hilfsmittel der Logik und Mathematik anwendbar sind, wenn wir Prognosen machen wollen, zeigt uns eben die Erfahrung. Die soviel verhöhnte "formale Logik" wird nun zu einem Hauptwerkzeug entschlossener Empiristen, die überdies das gesamt Gebiet der Wissenschaft in Angriff nehmen und keine Sätze für etwas reservieren, was man früher "Metaphysik" nannte. "Empirischen Rationalismus" hat Gregorius Itelson diese Haltung im Gegensatz zu der des älteren "metaphysischen Rationalismus" treffend genannt. Darüber, daß die vier von uns erwähnten Pfeiler des logisierten Empirismus nicht unabhängig


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voneinander sind, daß es da vielfache Abstufungen und Verflechtungen zu beachten gibt, wenn man eine historische Darstellung oder eine planmäßige Klassifikation entwerfen will, brauchen wir wohl hier kein Wort zu verlieren. Wie sehr der moderne logisierte Empirismus an Leibniz anknüpft, zeigt uns etwa das Interesse, daß ihm Russell entgegenbrachte. Auch Couturat, der nicht frei von rationalistischer Metaphysik ist und Cassirer, der sich manchmal etwas mehr als andere Kantianer der modernen wissenschaftlichen Gesamtauffassung nähert, ohne freilich die metaphysische Grundeinstellung aufgeben zu wollen, haben sich z.B. gerade mit Leibniz eingehend beschäftigt. Grob gesprochen muß man die nächsten umfassenden Erfolge des modernen Scientismus wohl am ehesten von einer Vereinigung jener Tendenzen erwarten, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts etwa durch die Namen Leibniz, Hume, Compte gekennzeichnet werden: Metaphysikfreie Gesamtwissenschaft, aufgebaut auf logischer Analyse der wissenschaftlichen Sprache.

Wie hat nun der "Wiener Kreis" sich diesen Tendenzen genähert und wie wird er sich wohl realisieren können, wenn er sich mit ähnlichen Gruppen in der ganzen Welt verbindet? Wir sahen, wie in Wien ein wachsender Kreis von Menschen sich antimetaphysischer Haltung zuwandten, die durch ein Interesse für logisierende Gesamtauffassung ergänzt wurde. Die Systemphilosophie der


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idealistischen Metaphysiker stand nicht zur Diskussion. Die theologisierenden Denker brachten eine Menge wissenschaftslogisch anregender Betrachtungen, und daneben gab es schon viele, die bewußte Antimetaphysiker waren, ohne daß sie wieder gerade die Logik als ein wichtiges Instrument verwendet hätten. Nun aber drangen immer mehr pragmatistisch-empiristische Gedankengänge auf der einen Seite, logisch-kritische auf der anderen Seite ein und die Vereinigung dieser Bestrebungen nahm in Wien eigenartige Formen an, die man mit analogen Gestaltungen in anderen Ländern vergleichen müßte. Gerade die Entstehungsweise ist ja historisch lehrreich und für Prognosen nicht unwichtig.

Die Mach-Einsteinsche Kritik an der Newtonschen Physik und der durch sie angeregte Neubau wirkte sich gerade in Wien besonders kräftig aus. Philipp Frank stand als junger Physiker mit Mach und Einstein, dessen Nachfolger er in Prag wurde, in persönlichem Kontakt. Besonders frühzeitig hatte er auf die grundsätzliche Bedeutung der Einsteinschen Relativitätstheorie für die gesamte Denkweise hingewiesen. Es wurde klar, daß die Physik selbst ihre Grundbegriffe in Ordnung bringen müsse, und nicht etwa dabei von den Philosophen abhänge. Mögen einst die großen Philosophen gleichzeitig große Gelehrte gewesen sein und auf diese Weise die Wissenschaft mächtig angeregt haben, die Nur-Philosophen unserer Zeit, konnten


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für die Wissenschaften nichts entscheidendes mehr leisten. Sollten die Vertreter der Wissenschaften die neuen Sätze finden und dann den Segen der Philosophen erbitten? Sollte man von ihnen erfahren, was es den eigentlich mit all den Begriffen auf sich habe, die man in den Wissenschaften verwende? Die Arbeit, welche überhaupt geleistet werden müßte, war innerhalb der Wissenschaften zu leisten, einschließlich der Begriffsanalyse. Das war die empiristische, antimetaphysische Haltung, die für den Physiker Philipp Frank ebenso kennzeichnend war wie für den Mathematiker Hans Hahn († 1934) oder den Nationalökonomen Otto Neurath, die gemeinsam durch die französischen Konventionalisten, durch den Pragmatismus, durch Mach und Einstein, durch moderne Logiker und durch empirisch gerichtete Soziologie beeinflußt wurden. Der Vertreter angewandter Mathematik R.v.Mises (jetzt Istanbul) gelangte unter dem Einfluß von Ernst Mach und dessen Freund Popper-Lynkeus zu einer positivistischen Gesamtanschauung Machscher Prägung. Auch andere kamen aus diesem Einflußbereich zu einem wissenschaftlichen Empirismus, der verschiedene Formen annehmen konnte. Kennzeichnend ist wohl für die genannten und ihnen nahestehenden, daß sie nicht einzelne Thesen Machs übernehmen – von denen sie viele geradezu ablehnten – sondern daß sie die Methode wissenschaftslogischer Kritik sich aneigneten,


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die zu einer empiristischen Gesamthaltung führte. Die Einzelerörterungen der eigentlichen Machisten über das "Ich" und die "Dinge", ihre oft ins metaphysischen abgleitenden "erkenntnistheoretischen" Einzelbetrachtungen blieben am Rande des in Wien sich entwickelnden Scientismus. Hingegen wurde diesen Wiener Empiristen immer deutlicher, welche große Bedeutung der wissenschaftslogischen Analyse zukomme, hatten sie doch gesehen, wie Mach ohne Experimente durch sorgsame kritische Überlegungen die Einsteinschen Grundgedanken vor allem über die physikalische Bedeutung der relativen Bewegung vorbereitete. Wissenschaftslogische Erörterungen waren das Bindeglied, das Vertreter verschiedener Spezialdisziplinen verknüpfte. Die logisch-mathematischen Probleme behandelte vor allem Hans Hahn, der als Universitätslehrer sowohl durch seine eigenen Arbeiten (so über die Grundlagen der Mathematik, über Mengenlehre, die für die Logik von besonderer Bedeutung ist) als durch Propagierung der Arbeiten Russells und anderer Logiker den logisierenden Empirismus in diesem Kreise entscheidend förderte und die so fruchtbare weitere Entwicklung vorbereitete. Der logisierende Empirismus wurde vor allem durch die Arbeiten auf Spezialgebieten zum Ausdruck gebracht, aber auch durch eine lange Reihe wissenschaftslogischer und historischer Analysen, durch Vorträge und Diskussionen.


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Aber diese Wirksamkeit im Dienste eines antimetaphysischen Empirismus führte zu keiner zusammenfassenden die Hilfsmittel der modernen Logistik benutzenden Darstellung des so entschlossenen vertretenen Standpunktes, die auch pädagogisch nach außen hin einen größeren Einfluß hätte ausüben können. Während in Wien eine Art Atmosphäre des logisierenden Empirismus entstanden war, traten Vertreter verwandter Anschauungen in Deutschland mehr vereinzelt auf, aber mit stärkerer Tendenz zu systematischer Behandlung der Probleme.

Auflehnung gegen die zeitgenössische Metaphysik in Frankreich, England, Amerika, Deutschland bereitete die Elemente des Scientismus vor, die zur einer bedeutsamen Zusammenfassung im "Wiener Kreis" – der Name wurde zum 1. Mal 1929 verwendet – führte. Als Moritz Schlick, gewissermaßen als Nachfolger Machs und Boltzmanns nach Wien berufen wurde, schuf er unterstützt von den eben geschilderten Vertretern eines logisierenden Empirismus eine ständig diskutierende Gemeinschaft, die auf alle Teilnehmer ungemein anregend wirkte. Moritz Schlick hatte ähnlich wie Philipp Frank besonders früh die Bedeutung der Einsteinschen Lehre für die moderne wissenschaftliche Denkweise erkannt und, vom Realismus kommend, eine stark empiristisch gerichtete "Erkenntnislehre" ausgearbeitet. Durch die Habilitierung des Fregeschülers Rudolf Carnap an der Wiener Universität kam ein Mann in den Kreis, der das Werkzeug moderner Logistik in den Dienst wissenschaftlicher Gesamtanschauung stellte und im Anschluß an seine früheren Arbeiten


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nunmehr das Problem der wissenschaftlichen Sprache in den Mittelpunkt rückte, was für die weitere Entwicklung des "Wiener Kreises" von größter Bedeutung werden sollte. Jüngere Mitglieder des Kreises, wie Feigl (jetzt USA), Waismann, Gödel, dem Kreise nahestehende, wie Victor Kraft, Edgar Zilsel und der Mathematiker Karl Menger, der bedeutsame Grundlagenfrage behandelte, trugen dazu bei, den logisierenden Empirismus auf eine immer breitere Basis zu stellen.

Über Anregung Hans Hahns wurde durch lange Zeit der "Tractatus" von Wittgenstein gemeinsam gelesen und diskutiert. Dieses Buch, das die Sinnlosigkeit der metaphysischen Sätze aufzeigen hilft – wenn es auch selbst wieder eine Metaphysik bringt, in der sogar theologisierende Wendungen nicht fehlen, – knüpft an Traditionen an, die der Sprachanalyse für die philosophische Kritik besondere Wichtigkeit beigemessen haben. Die intensiven Bemühungen des "Wiener Kreises" den bedeutsamen logischen Kern dieses Buches, das von Russell besonders geschätzt wurde, aus der metaphysischen Hülle herauszuschälen, trug unmittelbar und mittelbar reiche Früchte, indem man nunmehr die Logik als Syntax der Sprache zu behandeln begann. Logik und Mathematik liefern die analytischen Sätze – die "Tautologien", deren die Wissenschaften zur Umformung der Realsätze bedürfen. Wenn auch der Protest gegen die Metaphysik Wittgensteins innerhalb des "Wiener Kreises" nicht ausbleiben konnte, und viele seiner Thesen keine allgemeine Billigung fanden, so konnte sich doch niemand der durch Wittgensteins Thesen angeregten Auseinandersetzung darüber entziehen, wie man denn die "philosophischen Sätze" von den "logischen" und den "realwissenschaflichen" abzugrenzen habe. Während aber Wittgenstein selbst "Sätze über Sätze" in eine Art Zwischenreich


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der "Erläuterungen" verwiesen hatte, die man erst formulieren müsse, um sie dann als sinnlos aufzugeben, führte die weitere Entwicklung Vertreter des "Wiener Kreises" dazu auch die "Sätze über Sätze" in die Sprache der Wissenschaft einzugliedern. Es wurde deutlich, daß man in der Logik und in den Realwissenschaften Satzsysteme vor sich habe, über deren mögliche Form man sich verständigen müsse. Damit war das letzte Element geliefert, dessen der logisierende Empirismus noch bedurfte, um zu einer geschlossenen empiristischen Gesamtauffassung zu werden. Es gab kein Vorurteil gegen die Logik mehr, denn jede wissenschaftliche Abhandlung muß nun mehr die logischen Hilfsmittel angeben, die sie verwendet. Nun konnte das, was seit Beginn des 19. Jahrhunderts von so vielen praktisch in Einzelfällen bereits geleistet, als Ganzes erstrebt worden war, systematisch in Angriff genommen werden: die logisch geschlossene Darstellung der Realwissenschaften. Was die einzelnen Mitglieder des "Wiener Kreises" an Anregungen durch Mach, Avenarius, Poincare, Duhem, Abel Rey, Enriquez, Einstein, Schröder, Frege, Peano, Hilbert, Russell und auch durch James, Nietzsche usw. empfangen hatte, konnte nun verbunden werden. Die Arbeit an den Wissenschaften steht im Vordergrund, die Logistik ist vor allem Mittel der Wissenschaftslogik,


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wenn sie auch wie etwa die Mathematik als Sonderdisziplin bearbeitet werden kann.

Der "Wiener Kreis", in dem der Empirismus besonders stark betont wird, schränkt sich nicht auf Physik ein, sondern befaßt sich bei seinen wissenschaftslogischen Analysen auch mit Biologie, Psychologie und Soziologie. Gerade Vertreter des "Wiener Kreises" haben immer wieder betont, daß es keinen Anlaß gebe, die sog. "Geisteswissenschaften" abzusondern. Das Problem durch zweckmäßige Vereinbarung über die wissenschaftliche Sprache möglichst viele Schwierigkeiten von vornherein abzuschalten, führt dazu, daß der neue Scientismus im Interesse eines konsequenten Empirismus der sorgsamen logischen Analyse aller Formulierungsweisen besonders Augenmerk zuwendet.

Die Arbeit des "Wiener Kreises", von dem aus wir diese Entwicklung betrachtet haben, verbindet sich immer mehr mit jener anderer Gruppen und Schulen. Der Kontakt mit der Berliner Gruppe um Reichenbach, Dubislav, Grelling usw., mit der Lemberg-Warschauer Schule um Lukasiewicz, Kotarbinski, Adjukiewicz, Tarski usw. mit den Engländern, die durch Russell immer einen starken Einfluß ausgeübt hatten mit den Amerikanern wie Morris, Lewis usw., mit den Franzosen wie Boll, Rougier usw., mit den Skandinaviern wie Joergensen usw. wird immer enger und führt zu einem ständigen Gedankenaustausch, den vor allem die internationalen Kongresse für Einheit der Wissenschaft dienen werden,


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deren erster mit dem Thema "Philosophie scientifique" 1935 in Paris stattfinden wird. Damit wird der "Wiener Kreis" ein Teil der umfassenden Bewegung des wissenschaftlichen Empirismus, die sich der spekulativen Systemphilosophie und ihren verschiedenen metaphysischen Ablegern entgegenstellt.

Durch den Verein Ernst Mach trat der "Wiener Kreis" bis zum Frühjahr 1934 in Wien für den neuen Scientismus vor einer größeren Öffentlichkeit ein. Frank und Schlick geben die "Schriften zur wissenschaftlichen Weltauffassung" heraus, mit Arbeiten von Carnap, Frank, Mises, Neurath, Popper, Schlick u.a. In Verbindung mit Carnap und Joergensen (früher Hahn) gibt Neurath die Sammlung "Einheitswissenschaft" heraus, mit Arbeiten von Carnap, Frank, Hahn, Neurath. Die Zeitschrift "Erkenntnis", die immer mehr zu einem internationalen Organ des neuen Scientismus wurde, wurde von Reichenbach und Carnap als Organ des Wiener Kreises und der Berliner Gruppe gegründet.

Ein strenger Empirismus wird durch Analyse der wissenschaftlichen Sprache gefördert, wobei sich Vertreter der verschiedensten Gebiete zusammenfinden. Die großen Leistungen moderner Logistik wird man immer häufiger dazu verwenden, den logischen Gehalt bestimmter wissenschaftlicher Methoden zu kennzeichnen, die in mehr als einem Spezialgebiet angewendet werden, seien es nun Formen


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der Klassifikation, der Induktion usw. So wie die einen mehr diese umfassendere logische Analyse betreiben werden, werden andere gerade innerhalb der Einzelwissenschaften bemüht sein, Unklarheiten und Schwierigkeiten öfters als bisher durch Anwendung logischer Kritik zu überwinden. Es ist schon viel erreicht, wenn in Hinkunft Gelehrte, die sich mit Grundbegriffen ihrer Wissenschaft befassen, nicht auf die Philosophen als Helfer vertrauen, sondern sich selbst für kompetent, ja für verpflichtet halten, die Begriffe ihrer Wissenschaft zu klären und selbst die Verantwortung für sie zu übernehmen. Soweit sie vorläufig ungeklärte Begriffe zu verwenden genötigt sind, müssen sie sich solcher Unzulänglichkeit bewußt sein.

Natürlich kann diese wissenschaftslogische Analyse zu einer Arbeitsteilung führen, die sich aber nicht von der unterscheidet, die sonst innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin vorkommt. Sowie in der Physik der eine mehr mathematische Probleme ins Auge faßt, der andere seine Aufmerksamkeit auf die Verknüpfung verschiedenartiger Vorgänge unter einem Oberbegriff lenkt, kann in Hinkunft auch die logische Analyse physikalischer Begriffe eine Unterabteilung der physikalischer Arbeit sein. Die logische Analyse schafft keine Sonderposition – ganz im Gegensatz zur philosophischen Arbeit – die erfahrungsgemäß darin besteht, daß die einzelnen Philosophen Türme bauen,


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von denen aus sie einander bekämpfen, wobei während des Kampfes jeder Turm immer höher und jede Kooperation immer mehr erschwert wird. Der neue Scientismus wird sich von solcher Sektiererei um so ferner halten, je mehr er die Arbeit an der Wissenschaft in den Mittelpunkt rückt und alle Differenzen, die in gewissen zugespitzen Debatten am Rande der Wissenschaft auftreten, nicht so wichtig nimmt. Dadurch wird verhindert, daß auf neuer Ebene wieder so etwas wie die "Erkenntnistheorie" entsteht; diese sucht man vielmehr durch Wissenschaftslogik zu verdrängen. Das heißt, wer einen umfassenden Empirismus vertreten will, kann in der Einheitswissenschaft seine Aufgabe sehen, in der alle Sätze vereinigt sind, die er grundsätzlich anerkennt und systematisch zu verknüpfen sucht.

Es fällt nicht in den Rahmen dieser Arbeit, die besonderen Meinungen der einzelnen Mitglieder des "Wiener Kreises" darzustellen, es kam mehr darauf an zu zeigen, wie diese im ganzen einheitliche, auf Analyse der wissenschaftlichen Sprache gegründete empiristische Gesamthaltung sich entwickeln konnte. Wohl aber soll zum Abschluß angedeutet werden, welche Richtung wohl der logisierende Empirismus einschlagen dürfte, dessen Schrittmacher der "Wiener Kreis" ist.

Die Durchlogisierung der einzelnen Disziplinen, die Aufstellung von Axiomensystemen wird zu einem allgemeinen Brauch innerhalb des Scientismus werden. Man


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wird mehr als bisher darnach trachten, die Querverbindungen von Wissenschaft zu Wissenschaft zu verfolgen, mehr als bisher darnach trachten, die Begriffe die man in einer Wissenschaft definiert hat, auch für andere verwendbar zu machen. Es wird sich etwa zeigen, daß man mit demselben Terminus "Mensch" auf Grund der gleichen Definition in der Physiologie, Psychologie, Soziologie auskommt. Die Schaffung einer einheitlichen wissenschaftlichen Terminologie wird ebenso von der Seite der praktischen wissenschaftlichen Arbeit als auch von jener der logischen Analyse aus in Angriff genommen werden. Da wie wir sahen, das eine das geschlossene System als Idol entlarvt wurde, bleibt als Zusammenfassung nur die logisch gut fundierte Enzyklopädie übrig, die außer den Sätzen der Logik und der Realwissenschaften keine weiteren Sätze enthalten würde. Die Metaphysik erscheint in dieser Enzyklopädie als eine der Lebensäußerungen des Menschengeschlechtes. Denn wenn von Sternen und Steinen, Pflanzen und Tieren die Rede ist, wird auch das Zusammenleben der Ameisen, der Bienen, der Menschen besprochen werden und innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung treten auch metaphysische Reden und Bücher auf.

Aber diese neue Enzyklopädie wird möglichst systematisch auf einem Lexikon der Begriffe aufgebaut sein und eine bestimmte Grammatik der wissenschaftlichen Sprache verwendet, gleichgültig, ob es sich nun um die Wortsprache oder um eine symbolische Sprache handelt.


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Schon einfache Vereinbarungen, auch ein "Index verborum prohibitorum", wird dem Sprachgebrauch der Empiristen nützen und manche metaphysische Klippe umschiffen helfen. Die Einheitssprache der Wissenschaft wird sich hier bewähren können.

Solch großer Plan ist nur dann durchführbar, wenn er organisatorisch so aufgebaut ist, daß jede Teilleistung verwendbar wird, ehe die Enzyklopädie im ganzen ausgebaut ist. Ja es müßte dafür gesorgt sein, daß im Sinne des Fortschreitens der Wissenschaft die allmähliche Umgestaltung der Enzyklopädie in all ihren Teilen ständig möglich ist, sodaß sie nicht überaltert wie die bisherigen enzyklopädischen Publikationen, deren erste Bände nicht auf demselben wissenschaftlichen Niveau zu sein pflegen wie die letzten.

Schon die Eingliederung des bisher geleisteten ist nicht einfach. Wie vielfältig sind etwa die Ausdrucksweisen der Psychologen selbst dann, wenn sie nicht in metaphysischen Wendungen übergehen. Es ist nun nicht ohne weiters möglich, denn empirischen Gehalt jedes wissenschaftlich bedeutsamen Werkes so zu formulieren, daß er mit dem empirischen Gehalt eines anderen Werkes mühelos verknüpft werden kann. Das ist eine Aufgabe der Einzelwissenschaften selbst, und die Anhänger des neuen Scientismus können nichts anderes tun als diese Arbeit vom Standpunkt der Wissenschaftslogik aus systematisch fördern. Denn die Wissenschaftslogik ist ja nicht gleich


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der Philosophie über oder neben den Wissenschaften postiert, sondern mit ihnen verwachsen und verknüpft. Wenn dennoch diese enzyklopädische Aufgabe als besondere Aufgabe hervorgehoben wird, so deshalb, weil man ein sehr guter Spezialist sein kann, ohne zu überlegen, wie man die Ergebnisse der eigenen Forschung mit den Ergebnissen anderen Forscher auf ganz anderen Gebieten verknüpfen kann.

So wie es eine Zeit gab, da die physikalische Chemie wie eine Sonderdisziplin erschien, wird vielleicht auch jetzt eine Gruppe solcher Sonderdisziplinen entstehen, welche die Querverbindungen herstellen, dann aber ihre eigene Sonderstellung und die ihrer Nachbarwissenschaften überwindend, aus denen sie hervorgegangen sind – auf dem Wege zur Wissenschaft als einem zusammenhängenden Gefüge von Sätzen – Programm der Einheitswissenschaft.

Der Scientismus vergißt dabei nie, daß er nur solche Realsätze zu verwenden gedenkt, die ihn zu kontrollierbaren Prognosen führen, kontrollierbar durch "Beobachtungssätze" – Programm des Empirismus.

Es sieht ganz darnach aus, daß die Bestrebungen, die Formen der wissenschaftlichen Sätze zu klären, dazu führen, eine Einheitssprache der Wissenschaft aufzubauen die durchaus der entspricht, die wir von der Physik her kennen – Programm des Physikalismus.

Aber auch wenn wir uns denken, daß jeder im Sinne eines


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strengen Empirismus auf Metaphysik verzichtet und sich an kritischen Stellen bemüht, im Sinne des Physikalismus auch die Beobachtungssätze in der physikalistischen Einheitssprache zu formulieren, so können immer noch sehr viele Enzyklopädien im Sinne der Einheitswissenschaft entstehen, die empirisch nachgeprüft sind und trotzdem miteinander im Widerstreit sind, ohne daß die logischen Voraussetzungen der Verfassergruppen differieren müßten. Es würde dann noch immer die Einheit der Wissenschaft, die wir auf der Erde betreiben, als besondere Aufgabe übrigbleiben, deren Lösung sozusagen historisch-organisatorisch durch Gemeinsamkeit der Arbeit und sonstige Kooperation ständig angestrebt würde. Die Einheit der Wissenschaft würde so innerhalb der Einheitswissenschaft durch die sozialen Bedingungen, durch die gemeinsame Technik oder aber durch Vereinbarung und bewußte wechselseitige Arbeitsanpassung immer wieder geschaffen werden.

Daß die historische Einheit der Wissenschaft eine besondere Aufgabe ist, da die Multiplizität der Wissenschaft nicht von vornherein logisch überwunden werden kann, widerspricht insbesondere der Anschauung derer, welche der "Wissenschaft" die Aufgabe stellen, "die wirkliche Welt" zu beschreiben, sodaß die Einheit der Wissenschaft durch dieses Ziel gesichert wäre. Dieser Auffassung, daß man sich allmählich solcher Grenze nähere, hätte aber nur dann einen Sinn, wenn man neben den menschlichen Aussagen eine andere Art von Aussagen annehmen könnte, die gewissermaßen über die "beschränkten" menschlichen zu Gericht sitzen. "Die wirkliche Welt", das ist eine Form


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des metaphysischen Absolutismus, dem wir immer wieder begegnen. Er tritt auch dort auf, wo man sich nicht damit abfinden will, daß für den Scientismus die Beobachtungssätze (genauer formuliert "Protokollsätze" genannt) in ihrer etwa groben, nicht sehr präzisen Art das Alpha und das Omega aller Wissenschaft sind, sondern nach irgend welchen "letzten Elementen" sucht. Der Empirist kann aus Beobachtungssätzen andere "einfachere" Sätze abzuleiten unternehmen, aber deren Geltung innerhalb der Realwissenschaften erscheinen nur mit Hilfe der Beobachtungssätze garantiert. Der Versuch, den Beobachtungssätzen auszuweichen, kann eine Form sein, sich in eine neue Metaphysik hinüberzuretten, von der man ausreichende Sicherheitsgefühle erhofft. Der Widerstand, den viele Menschen dem umfassenden Scientismus entgegenbringen, beruht vor allem darauf, daß sie nicht ständig von Provisorien umgeben sein wollen, obgleich sie sich sonst im Leben durchaus damit abgefunden haben, daß alles in Bewegung ist. Sie wollen es nicht gern hören, daß man auch bei keinem logischen oder mathematischen Satz mit absoluter Sicherheit wissen könne, ob man ihn nicht nachträglich abändern muß. Es kann eben passieren, daß jemand kommt und sagt: "Sieh Dir doch diese oder


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jene Formel an und verfolge genau, wie durch diese oder jene Manipulation bestimmte Veränderungen zustandekommen, die Du für unmöglich gehalten hast und darauf die Antwort kommt; "Ja, ich sehe, ich habe mich geirrt".

Diese antiabsolutistische Haltung wird von vielen als lähmende Skepsis empfunden. Es ist eine historisch-pädagogische Frage, wie bald eine größere Anzahl von Forschern es ertragen wird, alle wissenschaftliche Sätze wie Werkzeuge anzusehen, die einer Änderung unterliegen können. Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, sei gleich bemerkt, daß man bei vielen Sätzen die Veränderung für unwahrscheinlich halten und praktisch gar nicht weiter in Rechnung stellen wird. Aber die Haltung kann sich gegenüber manchen Sätzen, wie uns die Geschichte der Wissenschaft zeigt, ändern und es ist kein Anlaß dazu da, solche Änderung a priori abzuweisen. Auch Logik und Mathematik sind nur Provisorien, um wieviel mehr die Realwissenschaften, in denen man doch von vornherein weiß, daß man mehr Beobachtungssätze verwerten könnte als man tatsächlich jeweils verwertet. Das gilt ebenso in der Mechanik und Astronomie wie in der Geologie und Biologie, vor allem in der Geschichte und Soziologie, wo die Auswahl des verwendeten Materials offensichtlich noch stärker als sonst durch Tagesstimmungen bestimmt wird. Aber die Auswahl dessen, was man für "wesentlich" ansehen will, was man als "zufällige Störung" wegläßt, spielt in allen Wissenschaften eine große Rolle und jedes


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Zeitalter ist geradezu dadurch gekennzeichnet, was es notiert und was es wegläßt. Wie viele Protokolle unterläßt mancher moderne Physiker, die in späteren Zeiten schwer vermißt werden. Wenn ein Zoologe die Eigenschaften eines Pferdes prognostizieren will, hängt es von seiner Gesamtanschauung ab, ob er die Geburtskonstellation der Gestirne oder die Eigenschaften der Vorfahren notiert. Auch dort, wo die Geschichtsschreibung wie man zu sagen pflegt, möglichst "schlicht" zu berichten sich bemüht, macht sie entscheidene Wandlungen durch, denn man kann auf sehr verschiedene Weise schlicht berichten. Auch das, was jeweils als "schlichte" Protokollierung gilt, ist Ergebnis jenes Provisoriums, von dem wir ausgingen.

Diese Betonung des Provisoriums wird zu eigenartigen Betrachtungen führen. Angenommen, wir formulieren mit Hilfe leidlich definierter termini eine Gruppe von geologischen, meteorologischen oder soziologischen Prognosen. Nun komme die Zeit, da man die Prognosen kontrollieren will. Die wissenschaftlichen Anschauungen hätten sich mittlerweile etwas gewandelt. Das bedeutet aber nicht immer, daß man nun neue Sätze mit neuen termini bilden müsse, vielmehr zeigt uns die historische Erfahrung, daß im allgemeinen die alten Sätze im großen und ganzen bestehen bleiben können, wenn man nur die termini etwas anders definiert. Dieser glückliche Umstand erleichtert uns ungemein die wissenschaftliche Arbeit, deren Kontinuität auf diese Weise gewahrt


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bleibt. Wir gehen vielleicht nicht fehl, wenn wir vermuten, daß das Bemühen, diese Kontinuität aufrechtzuerhalten, eine solche "Umdefinition" selbst dann bevorzugt, wenn ein gänzlicher Umbau sich fruchtbarer erwiese.

Und was uns in solchen Fällen die Verwendung der wissenschaftlichen Vergangenheit erleichtert, erleichtert auch die Verständigung zwischen Gelehrten desselben Zeitalters, die in gewissem Sinne verschiedene Sprachen sprechen, wechselt ja doch für genauere Analyse selbst innerhalb desselben Werkes die wissenschaftliche Sprache. Daß man ohne explicite Übersetzungsarbeit sich dennoch untereinander und mit seiner eigenen Vergangenheit verständigen kann, beruht nicht zuletzt auf den Unbestimmtheiten der lebendigen Sprache, wo alles gewissermaßen ständig im Fluß ist. Gerade die strenge logische Analyse zeigt uns, daß man einem gewissen Grad von Unbestimmtheit in der Wissenschaft nicht entrinnen kann, und daß gerade darauf die Stabilität des Wissenschaftsbetriebes und alle Art von intellektueller Kooperation beruht.

Die Einheit der Wissenschaft im Leben ist demnach als ein historisches Faktum aufzufassen, nicht als ein aus den Prämissen unseres logisierenden Empirismus abgeleitetes Ergebnis. Wir bemühen uns, eine Einheitswissenschaft zu schaffen und rechnen damit, daß es gelingen werde, sie im Lauf der Zeit durchzusetzen, ohne aber bestreiten zu können, daß ganze Gespanne, zusammengesetzt


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aus verschiedenen Einheitswissenschaften, auf dem Plan erscheinen könnten, die man nicht logisch auf einander zu beziehen vermöchte. Und gelangt die Menschheit zu einer einzigen Einheitswissenschaft, dann in ähnlicher Weise wie sie zu einem einheitlichen Eisenbahnsystem, zu einer einheitlichen Regelung des Zusammenlebens zu gelangen scheint. Die technisch-historischen Bedingungen erzwingen die besprochene Einheit der Wissenschaft; dazu gehört ja auch die auf Jahrtausende alter Dressur beruhende Einheitlichkeit der Beobachtungsaussagen.

Solche Betrachtungen dürften besonders Anlaß dazu geben, sich mit der behavioristischen Analyse unseres Formulierens zu beschäftigen, zu prüfen, wie weit Sprachen und sonstiges Tun einander substituieren können, wie die "Ornamente", die aus logischen und mathematischen Zeichen aufgebaut werden, ebenso behandelt werden können wie andere Gegenstände. wichtig ist nur, die verschiedenen Fragestellungen sauber zu trennen und nicht durch Vermengungen kaum überwundener Metaphysik anheimzufallen. Die vorsichtige Sprachanalyse wird da ein guter Führer sein.

So wie wir solche behavioristische Betrachtungen pflegen, die uns ungezwungen mit pragmatistischen in Verbindung bringen, werden wir zu wissenschaftssoziologischen Untersuchungen geführt, die letzten Endes in die allgemeine Soziologie hineingehören, aber durch ihr Objekt mit der Wissenschaftslogik zusammenhängen. Denn wenn man auch streng logisch Satzbeziehungen untersuchen


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mag, so bleibt doch daneben die Frage offen, weshalb man denn unter bestimmten Umständen die Verwendung bestimmter Satzgruppen gegenüber der Verwendung anderer bevorzugt. Und darauf gibt vor allem die soziologische Analyse Antwort. Sie kann sich wenig auf die Mitteilungen der Einzelnen stützten und kommt meist weiter, wenn sie Lebensbedingungen der Menschengruppen ins Auge faßt, innerhalb deren eine Theorie entsteht, oder wenn sie die früheren Schicksale der wissenschaftlich Tätigen, vor allem ihre Jugendschicksale prüft. Aber auch wenn wir erkannt haben, daß bestimmte Bedingungen uns zu bestimmten Fragestellungen drängen, so sind wir deshalb nicht imstande, uns von solchem Einfluß zu befreien, wohl aber unterscheiden wir uns deutlich von Menschen, denen solche Erkenntnis fernblieb, die etwa meinen, der Gelehrte habe eine Art privilegierter Exterritorialität, einen sicheren Punkt, von dem aus er die Welt aus den Angeln heben könne. Wir gehören immer mit zur "Welt" – wieder eine Ablehnung jenes pseudorationalistischen Absolutismus, gegen den sich der logisierende Empirismus wird wenden müssen.

Indem wir auch unser eigenes Arbeiten nicht nur logisch, sondern auch soziologisch analysieren, dienen wir dem logisierenden Empirismus als wissenschaftlicher Gesamtauffassung, die an keiner Stelle ein a priori kennt. Wenn wir begreifen, daß jeder einzelne von uns durch seine besondere Stellung im Leben gewissen Bindungen


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sich nicht zu entziehen vermag, so können wir erwarten, daß vielleicht ein anderer, der unter anderen Bedingungen lebt als wir, gewisse Probleme besser sehen wird, und müßten im Interesse der gesamtwissenschaftlichen Grundhaltung wünschen, daß Gelehrte verschiedener Einstellung einander irgenwie ergänzen. Das würde ein gewisses Maß wissenschaftlicher Forschungsfreiheit voraussetzen, wie sie übrigens selbst dann denkbar ist, wenn die Gesellschaftsordnung im ganzen straff organisiert ist. Es könnte ja etwa von den herrschenden Mächten eine abgekapselte Mannigfaltigkeit freier Forschung als technisch zweckmäßig angesehen werden. Die bisherige historische Erfahrung zeigt uns, daß trotz aller Einengungen immer wieder Menschen um die wissenschaftliche Freiheit gerungen und um ihretwillen Opfer auf sich genommen haben.

Aber gegen diese Auffassung, daß die wissenschaftliche Gesamthaltung des logisierenden Empirismus durch planmäßige Mannigfaltigkeit und Konsequenz Erfolge erzielen werde, kann eine ganz anders geartete Denkweise sich auflehnen, die den Fortschritt der Erkenntnis davon erwartet, daß man sich erst einer bestimmten Einseitigkeit schrankenlos hingeben solle, wie sie durch das gesellschaftliche Leben gerade gefordert werde, um dann vielleicht einer entgegengesetzten Einseitigkeit zu verfallen, wodurch schließlich die Einsicht am besten gefördert


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werde. Solch stoßweisem Denken muß die allseitig klärende Analyse als ein absterbender Ast eines sterilen Empirimus erscheinen, als eine Art Flucht vor der rücksichtslosen Einseitigkeit des gestaltenden Lebens.

Die Frage, welche historischen Umstände der einen oder anderen Haltung günstig sind, die Frage, wie der Erfolg der wissenschaftlichen Arbeit besser gesichert wird, wären in der Wissenschaftssoziologie zu erörtern. Das sind Probleme, auf die hier nur hingedeutet werden kann. Die Wichtigkeit solcher Betrachtungen anerkennen, bedeutet aber noch lange nicht, daß man die Propagierung der wissenschaftlichen Gesamtanschauung in der Praxis von solchen Prognosen abhängig machen muß. Jedenfalls aber hält jede Betrachtung solcher Art uns von der unberechtigten Sicherheit des Pseudorationalimus ab, der sich überall sicherer fühlt als es wissenschaftlich vertretbar ist. Diese Tendenz, die Wissenschaftslogik selbst im Rahmen der Behavioristik und Soziologie grundsätzlich zu behandeln, trägt mit dazu bei, die empiristische Gesamthaltung weiter zu stützen.

Solche Betonung des Empirismus schärft die Aufmerksamkeit gegenüber metaphysischen Elementen in den Einzeldisziplinen.


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Wird man sie doch leichter aufstöbern, wenn die soziologische Analyse ihr Vorhandensein vermuten läßt. Wir wissen, daß die Metaphysik immer neue Schlupfwinkel aufsucht, und so werden gerade Vertreter des Scientismus es besonders frühzeitig bemerken, wenn man die Mittel der Logistik zur Sicherung der Metaphysik verwenden wird. Es wäre verwunderlich, wenn man nicht in absehbarer Zeit den Versuch machte, eine "Metaphysica modo logistica demonstrata" zu vertreten und eine neue Art Scholastik anzustreben. Solche Scholastik würde auch dazu neigen, das Instrument der Logistik immer mehr zu vervollkommnen, auch für Zwecke eines Antiempirismus. Aber die Vorteile der logischen Analyse werden für die Wissenschaften so offenkundig sein, daß selbst solche scholastische Tendenzen zu keiner neuerlichen Diskreditierung der Logik führen können, die sowohl als Sonderdisziplin wie auch als Mittel des Wissenschaftsbetriebs wohl ihr Bürgerrecht im Empirismus erworben hat wie die Mathematik.

Logistisch drapierte Metaphysik und empiristisch aufgezogener Pseudorationalismus sind die sublimeren Gegner der scientistischen Analyse. Der trivialste Gegner ist aber die Empiristische Kritiklosigkeit, die zwar empiristische Einzelsätze verwendet, aber von vornherein nicht jenes Maß wissenschaftlicher Kritik bereitstellt, das vom Scientismus verlangt werden kann. Es ist wichtig, auf diese Form


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der Gegnerschaft hinzuweisen, damit nicht der Glaube entsteht, der Scientismus sei gesichert, wenn gewisse Formulierungsweisen, die wir als metaphysische Ablehnen, vermieden würden.

Wir müssen übrigens ausdrücklich feststellen, daß solche Ausschaltung metaphysischer Formulierungen selbst bei sorgsamer Analyse nicht ohne weiters und automatisch möglich ist. Wir können nur dann erfolgreich Wissenschaft treiben, wenn wir auch termini verwenden, die mehr oder minder unbestimmt definiert sind, ja bei denen wir nicht einmal wissen, ob sie nicht metaphysische Elemente enthalten. Der Gebrauch der termini zeigt uns oft erst allmählich, was an ihnen als metaphysisch auszuscheiden ist. Wenn aber auch die Wissenschaftslogik kein Zaubermittel ist, um ein antimetaphysisches Sieb zu liefern, so verdanken wir ihr doch gewisse systematische Methoden, um Schwierigkeiten aufzuhellen, die seit Jahrhunderten zu Fehlspekulationen Anlaß gaben. Daraus, daß man sich sehr lange mit bestimmten Fragestellungen abgequält hat, folgt nicht, daß irgend ein empiristischer Sinn dahinter stecken müsse.

Der Umstand, daß wir nun systematisch den Kampf gegen sprachlich bedingte Scheinprobleme aufnehmen können, bedeutet eben nicht, daß wir über eine sichere Basis verfügen, von der aus wir die Wissenschaften aufbauen können. Der wissenschaftliche Mensch braucht diese Scheinsicherheit nicht, um wirken zu können; er


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weiß von vornherein, daß seine scharfsinnigsten Thesen mit bedingt sind durch tausenderlei Umstände, die nicht aufgezählt werden, daß er aus den ihm bekannten Beobachtungssätzen schon vieles weggelassen und daß er an mehr als einer Stelle sich für eine von mehreren möglichen Gedankenketten entschieden hat. Der wissenschaftliche Mensch weiß, daß Liebe und Haß, daß der Drang nach Erfolg scharfsichtige Lehrmeister sein können, und er wird nicht Erkenntnisse deshalb ablehnen können, weil sie durch ihre Hilfe zustandegekommen sind; der Indifferente, der Müde und Abgeklärte ist keineswegs immer Vertreter besserer Einsicht. Anderseits muß der wissenschaftliche Mensch sich klarmachen, welche Störungen der Aufmerksamkeit gerade von Liebe und Haß ausgehen, und wie sehr wir dazu neigen, den Erfolg als einen Maßstab für die Richtigkeit bestimmter Thesen anzusehen, als ob die von den herrschenden Mächten vertretenen Thesen auch wissenschaftslogisch sich am besten vertreten ließen – eine nicht so seltene Fehlanwendung pragmatistischer Gedankengänge. Kurzum, der wissenschaftliche Mensch, der die empiristische Gesamthaltung anstrebt, sieht sich ständig von unwissenschaftlichen und gegenwissenschaftlichen Elementen umgeben, die auch sein eigenes Denken durchdringen, ist er doch, wie wir hervorgehoben haben, nicht exterritorial. Und so wird unserem Zeitalter die Abwehr solcher Unwissenschaftlichkeit ebenso eigen sein wie


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vergangene Perioden. Aber die Art der Abwehr hat sich geändert, sie hat die Form des logisierenden Empirismus angenommen, an dessen Ausgestaltung gerade Vertreter des "Wiener Kreises" ganz bewußt mitarbeiten. Die Tatsache, daß diese Bemühungen starke Mächte entgegenstehen, muß die Chance des neuen Scientismus nicht verringern. Denn wenn auch starker gesellschaftlicher Druck so manche Anpassung erzwingt, so reizt er doch auch anderseits, wie wir aus der Geschichte wissen, zu besonders bewußtem Widerstand: Konzessionen und Irrwege auf der einen Seite, auf der anderen Seite aufrechte und zielbewußte wissenschaftliche Gesamthaltung.


Letzte Bearbeitung: 7.9.1999
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