Rudolf HALLER
Gibt es eine Österreichische Philosophie?

Anläßlich des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie in Wien 1968 habe ich zum ersten Mal deutlich die Frage gestellt, ob Wittgenstein ein österreichischer Philosoph ist. Und ich habe gemeint, die Frage so beantworten zu können, daß klar wird, daß er kein englischer Philosoph ist. Bei einer derartigen "Annexion" könnte es scheinen, als ginge es um Besitzverhältnisse, wie sie sich in der Verwendung von Possessiva zeigen: "unser Philosoph", "zu unserer Kultur gehörig" usw. Ich will nicht leugnen, daß dies eine Perspektive ist, die ein Kampf um das Recht nahelegen könnte. Wer seine Besitzrechte nicht verteidigt, dem werden sie streitig gemacht oder er verliert sie. Aber es ist nicht die einzige Art, die Dinge zu sehen. Denn natürlich herrschte hier kein Kampf, sondern die Meinung, Wittgenstein wäre ein englischer Philosoph, wurde einfach als selbstverständlich vorausgesetzt. Und diese Meinung wollte ich korrigieren. Inzwischen ist eine Reihe von Abhandlungen und Büchern erschienen, die sich der gleichen Sichtweise verbunden fühlen: W. W. Bartley hat in Aufsätzen und in seinem Buch über Wittgenstein darzulegen versucht, in welchem Ausmaß die Kenntnis der gesellschaftlichen und geistigen Umwelt für die Kenntnis der Philosophie von Wittgenstein und Popper unabdingbar ist. Und Bartley hat gemeint1, daß die wesentlichen Ideen von Wittgenstein und Popper in der Auseinandersetzung mit der Bewegung der österreichischen Schulreform und der Erziehungspsychologie Bühlerscher Provenienz entwickelt worden wären. W. M. Johnston hat dann in seinem nicht sehr verläßlichen, aber äußerst informativen Buch "The Austrian Mind"2 einen Überblick über den gesamten geistigen Hintergrund


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gegeben, dem 1973 das Buch von A. Janik und St. Toulmin "Wittgenstein's Vienna" gefolgt ist, das eine sehr lebendige Darstellung einer Blütezeit Wiens bringt und vieles von dem nachträgt, was man an den früheren Darstellungen Wittgensteins vermißte. Diese und eine Reihe anderer Autoren, von denen ich hier nur J. C. Nyiri3 nennen will, haben die Perspektive einer österreichischen Philosophie ernstgenommen, verteidigt, ausgebaut.

Nehmen wir also einmal an, es gäbe eine österreichische Philosophie, so stellt sich die Frage, wie wir ihr Auftreten und ihre Enstehung erklären. Und dies ist eine andere Perspektive, die mich 1965 zu der Behauptung geführt hat, daß das Kapitel der Geschichte der österreichischen Philosophie noch nicht geschrieben sei. Dieser Behauptung bin ich dann in einer Reihe von kleineren Studien ebenso nachgegangen, wie dies von anderen Autoren geschah.4

Die Ergebnisse dieser Überlegungen und Forschungen möchte ich nun im ersten Teil dieses Kapitels darlegen und so eine Skizze geben, die erlaubt und ermöglicht, das gezeichnete Bild zu ergänzen und zu korrigieren.

Ich meine, es gibt keinen Zweifel darüber, daß die Philosophie des Wiener Kreises trotz ihrer weltweiten Wirkung auch ein unverstandenes Phänomen geblieben ist, nämlich in bezug auf ihr Auftreten in Wien. Die einen sahen darin eine "Wende der Philosophie" und die große Chance einer erneuerten Aufklärung auf allen Gebieten des geistigen Lebens. Die anderen erblicken darin ein vom Universitätsgeschehen und der allgemeinen sozio-kulturellen Situation isoliertes Ereignis, das keineswegs in einen Traditionszusammenhang einzuordnen wäre.5


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In diesem Sinn, hat man mir entgegengehalten, daß es eine "Dominanz der empiristischen, antimetaphysischen und sprachkritisch orientierten Philosophie" in Wien nicht gegeben habe und daß auch die für den Wiener Kreis beanspruchten Vorgänger keine Vorgänger gewesen wären.6 Ich benütze diese Gelegenheit, das Problem noch einmal darzulegen und meine Antwort auf die vorgebrachten Einwände7 neu zu formulieren. Am Schluß dieser Abhandlung will ich dann auf das existentielle Gewicht unserer Fragestellung zurückkommen.

Das Problem und sein Ausgangspunkt: Betrachtet man die Entstehungsgeschichte des Wiener Kreises, so könnte es scheinen, als wäre das Auftreten des Kreises in Wien ein Spiel des Zufalles und ein Produkt der List der Vernunft. Mir hingegen schien es nicht unvernünftig, dem Selbstverständnis des Kreises zu folgen, wie es sich in der Programmschrift: "Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis" äußert.8 Dieser Schrift zufolge begriff sich der Wiener Kreis durchaus als eine Phase in der Entwicklung empiristisch-philosophischer Ideen überhaupt und im besonderen als eine Fortsetzung der philosopischen Arbeit in Österreich. "Daß Wien ein besonders geeigneter Boden für diese Entwicklung war, ist


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geschichtlich verständlich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war lange der Liberalismus die in Wien herrschende politische Richtung. Seine Gedankenwelt entstammt der Aufklärung, dem Empirismus, Utilitarismus und der Freihandelsbewegung Englands. In der Wiener liberalen Bewegung standen Gelehrte von Weltruf an führender Stelle. Hier wurde antimetaphysischer Geist gepflegt; es sei erinnert an Theodor Gomperz, der Mills Werke übersetzte (1869-80). Sueß, Jodl und andere."9 Desgleichen wird auf die Bewegung des Volksbildungsvereines hingewiesen, auf die Schulreformbewegung, und natürlich auf Ernst Mach (1838-1916) und Ludwig Boltzmann (1844-1906), die nicht nur für die wissenschaftstheoretischen Fundierungen der Physik und Naturwissenschaft bahnbrechend wirkten, sondern auch in ihrer Antimetaphysik ebenso wie in ihrer sprach- und erkenntniskritischen Einstellung als Vorbilder anerkannt wurden. Dem Selbstverständnis des Wiener Kreises entsprechend, meinte der Verfasser (oder meinten die Verfasser) der Schrift, auch auf eine "ganz andere Seite" hinweisen zu können. Bei den Bestrebungen um eine Erneuerung der Logik wurden nämlich zunächst Franz Brentano und Alois Höfler genannt. Von beiden wird gesagt, daß sie ein besonderes Verständnis für die Neubegründung der Logik gehabt hätten und daher auch für die Lehren und Schriften Bolzanos, zu deren Wiederentdeckung auch A. Höfler und Hans Hahn beitrugen. Damit finden wir einen Hinweis auf eine Traditionslinie, die man bei der Beleuchtung der Quellen des Wiener Kreises ebensowenig außer acht lassen darf, wie bei der Erforschung des geistigen Ursprungs von Wittgensteins Philosophie. Schließlich werden in der Vorgeschichte des Kreises noch Alexius Meinong, sein Nachfolger auf der Grazer Lehrkanzel Ernst Mally sowie die Jugendschriften Hans Pichlers erwähnt.

Es schien mir naheliegend, von dieser Quelle auszugehen und die Frage zu stellen, ob für den hier unterstellten Zusammenhang tiefere Gründe als etwa bloß propagandistische anzuführen wären, ob es sich also nur um eine zufällige Konstellation oder eine ideengeschichtlich fundierte Genealogie handelt. Natürlich hätte man sich eine solche Frage ja auch früher stellen können und natürlich


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hätte man sich auch eher überlegen können, welcher Grund etwa Neurath veranlaßt haben könnte, Brentano und seine Schüler neben Mach und Boltzmann, Carl Menger und Max Adler zu stellen. Es scheint, daß lange Zeit niemand solche Fragen ernsthaft aufgeworfen hat, und niemand versucht hat, die damit verbundenen Probleme neu zu überdenken.

In der Tat war es eben diese Neurath-These über die Vorgeschichte des Wiener Kreises, die mich auf das genetische Erklärungsmodell geführt hat, demzufolge die österreichische Philosophie von Beginn an als eine von bestimmten Prinzipien geleitete Entwicklung charakterisiert werden kann. Diese Prinzipien weisen die Entwicklung der österreichischen Philosophie als eigenständig aus, als eigenständig insbesondere gegenüber jener mächtigen Bewegung philosophischer Ideen, die seit Kant die deutsche Philosophie beherrschten und von dort auf Europa ausstrahlten. Und diese Prinzipien erweisen sich als dominierend für die österreichische Philosophie im Gebiet der alten Donau-Monarchie, wobei hier nicht nach einer Wertung dieser Dominanz oder nach ihren sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen gefragt werden soll.

Selbstverständlich beruht auch eine Hypothese wie die des genetischen Erklärungsmodells auf Voraussetzungen. Die erste Voraussetzung, die der Analyse zugrundegelegt wird, besagt, daß philosophische Ideen, wie andere geistige Gebilde, einer Art von Institutionalisierung bedürfen, um tradiert und wirkungsvoll werden zu können. Die zweite Voraussetzung besagt, daß bestimmte Ideen zu einer gewissen Zeit und in einem gewissen Rahmen eher akzeptiert werden als zu anderen Zeiten. Beide Voraussetzungen hängen eng miteinander zusammen und sind uns wohl bekannt. Ob bestimmte Konzeptionen wirksam und tradiert werden können, hängt in vielen Fällen davon ab, ob und wie sie in Schulen gelehrt und überliefert wurden. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Tradition der scholastischen und später der jesuitischen Schulbildung in Österreich, wobei man beachten muß, daß die meisten Universitätsgründungen auf dem Gebiet der Donaumonarchie in die Zeit der Gegenreformation fallen. Für die Aufnahme neuer Ideen bedarf es eines Resonanzbodens, der nicht immer gegeben ist. Die Entlastungsfunktion der Schulbildung ist so offenkundig und ein so verbreitetes Phänomen, daß man es nicht gerade auf dem Gebiet der Philosophie belegen und begründen müßte. Wissen wie Wissenschaft sind auf Überlieferung und Tradition angewiesen, weil alles Lernen auf der


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Übernahme von produzierten Wissen aufbaut. Es wäre völlig verfehlt anzunehmen, daß diese Tatsache im Gegensatz zur Forderung einer Kritik alles Wissens wie aller Überlieferung stünde. Man kann nur kritisieren, was man versteht und zu verstehen in der Lage ist. Nichts, was der Mensch mit Vernunft tut, kann diese Voraussetzung entbehren.

Unter der Annahme dieser Voraussetzungen läßt sich der Beginn der Österreichischen Philosophie mit dem Wirken von Brentano in der Hauptstadt der Donau-Monarchie gleichsetzen, und wollte man übertreiben, könnte man das Jahr 1874 als das Geburtsjahr der Österreichischen Philosophie bezeichnen.10 Mit dem Erscheinen der Psychologie vom empirischen Standpunkt im ersten von Brentanos einundzwanzig Wiener Jahren war das Forschungsprogramm der deskriptiven Psychologie oder beschreibenden Phänomenologie im wesentlichen vorgegeben. Philosophie wird darin als eine wissenschaftliche Disziplin bestimmt, und die beschreibende Psychologie, d.h. die nicht auf Physiologie reduzierbare Theorie des menschlichen Bewußtseins, als die Grundlage dieser Wissenschaft. Als Ahnherren dieser neuen Grundlagendisziplin lassen sich Aristoteles und Hume anführen. In deren Bahnen, d.h. auf dem Wege einer empirischen Erkenntnistheorie, beansprucht die deskriptive Psychologie, das cartesische Programm einer Elementenlehre des Bewußtseins neu in Angriff nehmen zu können. Als eines der zentralen Probleme mußte dabei die Unterscheidung des Physischen vom Psychischen erscheinen, denn nur der Bereich des letzteren fällt der Behandlung der beschreibenden Phänomenologie zu. Als das Kriterium der Differenz von Physischem und Psychischem wird von Brentano bekanntlich die Intentionalität aller psychischen Einstellungen vorgeschlagen, ein Kriterium, das ja auch in unseren Tagen in gewisser Weise die methodologische Hauptlast bei der Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften, zwischen Erklären und Verstehen trägt.11 Nichtsdestoweniger kann sich – wer eine Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften anstrebt und vertritt – nicht gut auf Brentano berufen. Denn seit seiner Habilitationsthese von 1866 über die wahre Methode der Philosophie bleibt seine Antwort immer die gleiche: die wahre Methode der Philosophie ist keine


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andere als die der Naturwissenschaften. Freilich wurden nicht alle Erkenntnisse als unmittelbare Beobachtungen und darauf aufbauende Induktionen interpretiert. Vielmehr bilden die Grundlagen von Brentanos analytischer Metaphysik12 die evidenten Urteile der inneren Erfahrung. Es wäre allerdings völlig verfehlt, darin einen Psychologismus erblicken zu wollen. Insoferne nämlich der Gegenstand der Analyse Begriffe sind, die aus der Erfahrung stammen, wird man nicht von einem reinen Apriorismus sprechen können, und insoferne die Urteile, in denen sie analysiert werden, apriorische Urteile genannt werden können, wird man sie nicht psychologisch nennen können. Dazu stellt sich heraus, daß die kantische Dichotomie in analytischen und synthetischen Urteilen weder von Brentano akzeptiert wird, noch auch auf ihn angewendet werden kann.

Bei Brentano vollzieht sich nämlich der Zusammenschluß von aristotelischem und modernem Empirismus in der Weise, daß er in der deskriptiven Psychologie auch den Neubeginn einer aufsteigenden Phase der Philosophie sehen konnte. Entsprechend der von ihm entwickelten Phasenlehre, derzufolge die Philosophie nach einer aufsteigenden Phase in ein Zerfallstadium mit weiteren drei Phasen eintritt, stand auch die kantische und nachkantische Philosophie am abwärtsführenden Weg und am Übergang zur mystischen Spekulation, die wir ja etwa bei Schelling deutlich bemerken. Die deskriptive Psychologie, als notwendige Vorstufe der empirischen, vereinigt in ihrem Forschungsprogramm nun tatsächlich auch jene Bedingungen, die Brentano als unabdingbar für aufsteigende Phasen angibt: vor allem die rein theoretische Grundlegung der Wissenschaft, oder den "harten Kern" einer ontologischen Kategorienlehre, die Theorie der logischen Urteile und schließlich die Theorie empirischer Urteile. Ihre Methodologie war entwicklungsfähig und ihr Schöpfer war der lebendige Beweis dieser Entwicklungsfähigkeit. Sein Weg zum Reismus zeigte, welche Möglichkeiten die ontologische Kategorienlehre offen ließ.

Es würde zu weit führen, hier eine genauere Analyse dieses gewaltigen Forschungsprogrammes zu versuchen. Seine Wirkungskraft zeigte es schließlich in der Anwendung durch die Generation


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der Schüler. Stellt doch die Phänomenologie Edmund Husserls, jedenfalls in ihrer fruchtbaren realistischen Phase, in ähnlicher Weise eine konsequente Fortsetzung dar wie Meinongs Gegenstandstheorie. Beide Varianten der beschreibenden Phänomenologie bestimmen die Philosophie als strenge Wissenschaft, betrachten die Erfahrung als einzige Quelle von Tatsachenerkenntnissen und sehen in der Existenz der inneren Erfahrung die Grundlage der erkenntnismäßigen Rechtfertigung.

Es besteht kein Zweifel, daß die Brentano-Schule den allergrößten Einfluß im Bereich der höheren und hohen Schulen erlangte und zusammen mit den positivistischen Strömungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die dominierende Richtung der Philosophie (und Psychologie) auf dem Boden des Habsburgerreiches bildete. In Prag waren es Anton Marty und seine Schüler O. Kraus, A. Kastil, H. Bergmann, E. Utitz, sowie Christian von Ehrenfels und Thomas G. Masaryk, in Polen K. Twardowski, der Ahnherr des "logistischen Anti-Irrationalismus", und seine Schüler K. Ajdukiewicz, J. Lukasiewicz und T. Kotarbinski, in Graz Alexius Meinong, in Innsbruck Franz Hillebrand, um nur die wichtigsten Universitäten außer Wien und Ofen zu nennen. Auf diese Bezüge bin ich, wie erwähnt, in einer Reihe von Abhandlungen des öfteren eingegangen; zu oft, um sie hier im einzelnen wiederum auszubreiten.13

Sowohl die Brentano-Schule wie die vornehmlich um Mach gruppierten Positivisten verkörpern nun jene Eigenschaften, die mir für die österreichische Philosophie charakteristisch scheinen. Im Negativen sind dies, erstens, die Ablehnung der Kantischen Transzendentalphilosophie als Paradigma philosophischer Forschung, zweitens, der Anti-Idealismus, drittens, der Anti-Irrationalismus, d.h. die Zurückweisung aller schwärmerischen, dynamischen Metaphysik. Dem stehen als positive Charakteristika entgegen: Erstens, die Forderung nach Wissenschaftlichkeit der Philosophie und die Anerkennung des naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideals, zweitens, der Empirismus als erkenntnistheoretische und methodologische Heuristik, drittens, die sprachkritische Einstellung, die eine analytische Methode des Philosophierens begünstigt und eine mit Postulaten arbeitende Metaphysik vermeidet. H. Rutte hat


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schließlich die gleichen Züge als wesentlich für die Physiognomie des österreichischen Positivismus herausgestellt, dem er als weitere Merkmale einen partiellen Nominalismus und einen Methodenmonismus in der Wissenschaftslehre hinzuzählt.14

Die Entstehung des Wiener Kreises, dies war der Ausgangspunkt der vorangegangenen Untersuchung, hängt also nicht nur mit den positivistischen Vorgängern, sondern auch mit der kurzen Tradition der österreichischen Philosophie aufs engste zusammen. Gegen diese hier und auch früher vorgebrachten Thesen sind vornehmlich drei Einwände naheliegend, mit denen ich mich auseinandersetzen möchte. Der erste Einwand ist methodologischer Natur und fragt nach der Rechtfertigung des genetischen Erklärungsmodells. Warum sollten so heterogene Konzeptionen, wie z.B. Brentanos Psychognosie und die Antimetaphysik des Wiener Kreises, einer einheitlichen Richtung, überhaupt einem Modell subsumierbar sein? Heißt das nicht, Wasser und Feuer mischen und Unvergleichbares mit Unverträglichem harmonisieren zu wollen?

Nun, es wäre historisch ungerecht und philosophisch oberflächlich, übersähe man die tiefgreifenden Unterschiede in den hier erwähnten Philosophien. In der Tat steht Brentanos "analytische Metaphysik" der radikalen Devise entgegen, jeden Satz als sinnlos anzusehen, der sich nicht verifizieren lasse. Und natürlich besteht ein solcher Gegensatz bereits zwischen Brentano und Mach und nicht erst zwischen Brentano und dem Neopositivismus des Wiener Kreises. Das geht auch ganz deutlich aus einer bisher nicht veröffentlichten, umfangreichen Abhandlung Brentanos hervor, in der er sich mit Machs Werk "Erkenntnis und Irrtum" auseinandersetzt.15 In diesen Bemerkungen zu Machs "Erkenntnis und Irrtum" erkennt man den Gegensatz zwischen einer metaphysisch begründeten Philosophie, wie sie das Forschungsprogramm der deskriptiven Psychologie vertritt und einer naturalistischen Erkenntnistheorie, und damit auch ein ähnliches Spannungsverhältnis zwischen Philosophie und Naturwissenschaft, wie Wittgenstein es in der "Logisch-philosophischen Abhandlung" und in seinen späteren philosophischen


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Bemerkungen und Untersuchungen anzeigt und wie es, von der anderen Seite her gesehen, Neuraths Enzyklopädismus zum Ausdruck bringt.

Welche Rechtfertigung läßt sich angesichts dieser Beispiele und einer Reihe von nicht erwähnten dafür vorbringen, gegensätzliche Lehren in das Prokrustesbett einer fixen Idee der österreichischen Philosophie zu zwängen? Wenn nun auch zugegeben ist, daß es tiefgreifende Unterschiede zwischen den einzelnen Denkern gibt, ein Grund für ihre Unvergleichbarkeit läßt sich daraus nicht herleiten. Wenn wir einen Gegenstand mit einem anderen Gegenstand identifizieren, so heißt das ja nicht notwendigerweise zu behaupten: a = b, sondern es heißt bei genauerer Analyse meistens: a ist in bezug auf M gleich b, wobei M als das tertium comparationis gilt, in welchem Merkmal die verglichenen Gegenstände übereinstimmen. So wie man ein Elektrokardiogramm mit einer Zeichnung des Fudjijama von Hokusai als Symbolschemata vergleichen kann16, so lassen sich natürlich auch philosophische Untersuchungen im Hinblick auf das Gemeinsame komplizierter und komplexer Einzelfälle vergleichen. Der Einwand möglicher Inkommensurabilität verschlägt dabei nicht, weil die angenommene semantische Diversität durch Interpretation in allen Fällen eliminiert werden kann.

Der zweite Einwand ist empirischer Natur. Ihm zufolge ist das skizzierte Bild insoferne unrichtig und falsch, als es viele Details wegläßt und – mehr noch – alle der Hypothese entgegenstehenden Beispiele verschweigt oder gar unterschlägt. Nun, die "Unterschlagung" der dem genetischen Modell entgegenstehenden Beispiele erfolgte durchaus nach der Maxime, daß, was unwichtig ist, auch keiner Erwähnung bedarf. Ich habe diese Beispiele nicht verschwiegen, weil ich damit unliebsame Widerlegungsinstanzen aus dem Blickfeld räumen wollte, sondern weil die Fälle, die man anführt oder anführen könnte, nicht von Gewicht sind. Denn natürlich hat es in diesen hundert Jahren im Gebiet der Donaumonarchie eine Reihe von Philosophen gegeben, die nicht in das gezeichnete Bild passen, wie z.B. Robert Reininger und Carl Siegel, Othmar Spann und Rudolf Kassner. Natürlich hat es Bestrebungen gegeben, von Einzelnen und Gruppen, die sich gegen die Tradition der österreichischen Philosophie stellten. Das ist zu offensichtlich, um


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übersehen werden zu können. Schließlich ist es eine Naturtatsache der Geistesgeschichte, daß sich die Vertreter von Ideen von anderen unterscheiden, sich gegenseitig bekämpfen usw. Wenn z.B. der Naturphilosoph Sapper die Relativitätstheorie für falsch erklärt, wird man die Rezeptionsgeschichte dieses Kapitels der österreichischen Geistesgeschichte einfach ungeschrieben lassen, sofern es keine bedeutsame Rezeption gibt. Und natürlich wird auch niemand den Neothomismus oder Neuhegelianismus, der hier und da gelehrt wurde, mit Österreich assoziieren. Und es gab in Wien auch Vertreter christlicher Weltanschauungsphilosophie, und Anhänger des Idealismus, denen lokaler Einfluß nicht abzusprechen ist.17

Aber keinem dieser Versuche ist es gelungen, die Traditionslinie abzubrechen oder eine neue zu begründen, die auch nur im bescheidensten Maße mit jener zu vergleichen wäre, die hier in Frage steht und die ich hervorgehoben habe. Daß sich diese Tradition in mancher Hinsicht von anderen Strömungen der Ideengeschichte in Österreich unterscheidet und abhebt, nimmt ihr nicht ihren Rang. Man muß hier die am Beginn erwähnte Voraussetzung ernstnehmen, daß die Geographie der Katheder auch auf weite Strecken hin die Rezeptionsgeschichte bestimmt. Aber das Gewicht der Lehre hängt letztlich davon ab, welche Stellung ihr vom universellen Auditorium der Gelehrtenrepublik eingeräumt wird. Und in dieser Hinsicht sind die "Ausnahmen" keine widerlegenden Instanzen, sondern vernachlässigbare Größen. Schließlich müßte ja nicht eigens unterstrichen werden, was selbstverständlich ist, daß nämlich mit der Behauptung der eigenständigen Entwicklung der österreichischen Philosophie nur eine allgemeine, wenngleich komplexe Tendenz, nicht jedoch eine generelle Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Gerade darum bestätigen hier die Ausnahmen die Regel und verletzen sie nicht.

Als eine solche "Ausnahme" läßt sich auch die Vorgeschichte des Anfangs der österreichischen Philosophie deuten. In der Tat kann man nämlich einwenden, es träfe gar nicht zu, daß es hierzulande keine Kantische Philosophie gegeben habe. Vielmehr sei gerade die Kantische Philosophie in den jakobinischen Zirkeln der Monarchie


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als eine revolutionäre Lehre studiert und propagiert worden, nicht nur in Wien, sondern auch in Ofen oder in Klagenfurt. Wie insbesondere die neuesten Forschungen von W. Sauer klar machen, endet diese Periode mit der mehr oder minder gewaltsamen Unterdrückung der Philosophie des Königsberger Denkers in den Grenzen der Donaumonarchie.18 Für Ideengeschichte gibt es eben nicht nur interne Gründe, sondern auch die Wirksamkeit externer Ursachen. Und die politische und kirchliche Einflußnahme war jedenfalls eine der Ursachen, warum dann auch später für die Lehren des deutschen Idealismus kein entsprechend aufnahmebereiter Boden vorhanden war und der Kantianismus selbst hierzulande auf lokale Zentren und in seiner Wichtigkeit beschränkt blieb.

Bleibt noch der dritte Einwand zu besprechen. Dieser ist insoweit heimtückisch, als er nicht so sehr die Tatsachen in Frage stellt – denn diese lassen sich ja überprüfen – als vielmehr die Möglichkeit ihres Auftretens. Er fragt also nicht: "Ist es (wirklich) so, wie behauptet?" Sondern er fragt: "Kann es so sein, wie behauptet?" Ist nicht allein schon der Begriff der österreichischen Philosophie selbst viel zu unklar und verschwommen, um auf die gesellschaftliche Wirklichkeit angewendet werden zu können? Ist es nicht eine bloße Fiktion, der hier ein kleidsames Ansehen gegeben werden soll? Kurz, ist der Terminus "Österreichische Philosophie" wirklich nichts anderes als "a mere historical accident?"19

Wittgenstein spricht einmal in den "Vermischte(n) Bemerkungen" davon, wie schwierig es sei, das (gute) Österreichische zu verstehen: "Ich glaube, das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit". – So dunkel diese Notiz von Wittgenstein auch ist, es schimmert durch sie doch unmißverständlich die Überzeugung, daß es so etwas wie das Österreichische gebe. Daß seine Wahrheit nicht auf selten der Wahrscheinlichkeit zu finden sei, könnte heißen, daß sie jenseits der Wahrscheinlichkeit zu finden wäre. Es könnte


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aber auch gemeint sein, daß sie nicht im Umkreis des Erwarteten, Gewohnten liege, nicht dort, wo man sie sucht, sondern dort, wo man sie nicht sucht. Was Wittgenstein jedenfalls damit ausdrücken will – und er sieht sich selbst sicherlich als einen Beispielfall –, ist, daß es dabei um etwas Nicht-Beiläufiges, um etwas Unbedingtes geht, dem das Klischee des Österreichischen als des Ungenauen, Beiläufigen und Unverbindlichen zutiefst im Wege steht. Als ein Merkmal dieser Unbedingtheit möchte ich den Objektivismus hervorheben, der sich von Bolzanos Sätzen und Vorstellungen an sich über die intentionalen Gegenstände und Meinongs Objektive bis zu Wittgensteins Begriff der Sachverhalte und Tatsachen ebenso nachweisen läßt, wie von Machs Elementen oder Boltzmanns Modellen.20

Wir haben heute eine gewisse Angst, ein im Nationalitätenstreit belastetes Wort – "das Österreichische" – mit ideengeschichtlichen Phänomenen zu verbinden. Aber diese Angst braucht nicht paranoide Züge anzunehmen. Warnock etwa hat bedenkenlos Wittgenstein und dem logischen Positivismus des Wiener Kreises ein Fünftel seiner Geschichte der Englischen Philosophie seit der Jahrhundertwende21 eingeräumt, während Collingwood nicht einmal in seinem Namensverzeichnis vorkommt. Zumindest in dem Sinn, wie es eine englische, französische, deutsche, russische und chinesische Philosophie gibt, gibt es gewiß auch eine österreichische Philosophie. Das wäre eine banale Behauptung, wäre sie wenigstens akzeptiert und bekannt gewesen. Aber eine solche banale Selbstverständlichkeit wollte ich nicht behandeln.


Anmerkungen

1. W. W. Bartley, "Sprach- und Wissenschaftstheorie als Werkzeuge einer Schulreform. Wittgenstein und Popper als österreichische Schullehrer". In: Conceptus, Jg. III, April 1969 (p. 6-22), vgl. ders., Wittgenstein, Philadelphia, New York 1973, dt. Wittgenstein, ein Leben, München 1973.

2. W.M. Johnston, Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte, dt. Wien-Köln-Graz, 1974.

3. J.C. Nyiri, "Musil und Wittgenstein: Ihr Bild vom Menschen", in: Österreichische Philosophen und ihr Einßuß auf die analytische Philosophie der Gegenwart, Bd. l (Hrsg. J. Chr. Marek et al.). Sonderband Conceptus, Jg. XI, 1977.

4. R. Haller, "Meinongs Gegenstandstheorie und Ontologie", m: Journal of the History of Philosophy, Vol. IV (1966) p. 313 f. Vgl. Philosophie in Österreich. (Hrsg. L. Gabriel u. J. Mader), Wissenschaft und Weltbild, 21. Jg. (1968); E. Morscher, "Von Bolzano zu Meinong: Zur Geschichte des logischen Realismus", in: (Hrsg. R. Haller), Jenseits von Sein und Nichtsein, Graz 1972; R. Haller, Studien zur Österreichischen Philosophie. Amsterdam: Rodopi 1979.

5. Siehe F. Stadler, "Aspekte des gesellschaftlichen Hintergrundes und Standorts des Wiener Kreises am Beispiel der Universität Wien". In: Wittgenstein, der Wiener Kreis und der kritische Rationalismus. Akten des 3. Int. Wittgenstein-Symposiums (Kirchberg 1978). (Hrsg. H. Berghel et al.). Wien 1979, p. 41ff. Vgl. R. Hegseimann, "Otto Neurath – Empiristischer Aufklärer und Sozialreformer", in: Otto Neurath, Wissenschaftliche Weltauffassung, Sozialismus und Logischer Empirismus. Hrsg. R. Hegseimann, Frankfurt 1979.

6. F. Stadler, a.a.O.; "Gespräch mit Heinrich Neider. Persönliche Erinnerungen an den Wiener Kreis", in: Sonderband Conceptus, Jg. XI, 1977, p. 21-42.

7. W. Sauer, "Österreichische Kantianer", in: Festschrift zum fünfzigjährigen Bestand der Arbeitermittelschule, Graz 1979. Siehe auch: E. Morscher, "Brentano and his place in Austrian philosophy", in: Die Philosophie Franz Brentanos (Hrsg. R. M. Chisholm u. R. Haller). Grazer Philosophische Studien, Vol. V (1978) p. 1ff. W. Sauer, Österreichische Philosophie zwischen Aufklärung und Restauration. (Studien zur Österreichischen Philosophie, Bd. 2), Amsterdam 1982, p, 11 ff.

8. Diese Schrift wurde von O. Neurath und R. Carnap verfaßt, wobei Neurath eine erste Fassung lieferte, die Carnap, unter Mithilfe von Feigl und Waismann, völlig neu bearbeitete und das endgültige Manuskript herstellte. Siehe auch R. Haller, "War Wittgenstein ein Neopositivist"? in diesem Band.

9. Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis (Veröffentlichungen des Vereins Ernst Mach) Wien: A. Wolf 1929. Wieder abgedruckt in: O. Neurath, Gesammelte philosophische und methodologische Schriften (Hrsg. R. Haller u. H. Rutte) Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1982, Bd. 1, p. 301.

10. Siehe auch: Die Philosophie Franz Brentanos. (Hrsg. R. M. Chisholm u. R. Haller) Amsterdam 1978.

11. Vg. G. H. v. Wright, Erklären und Verstehen, dt. Frankfurt 1974.

12. Diese Bezeichnung entnehme ich dem Aufsatz von R. M. Chisholm, "Brentano als analytischer Metaphysiker", in: Sonderband Conceptus Jg. XI 1977, p. 77.

13. Siehe meine Studien zur Österreichischen Philosophie, Amsterdam 1979, in denen die wichtigsten Aufsätze gesammelt sind.

14. Siehe H. Rutte, "Positivistische Philosophie in Österreich. Nachwort zum Gespräch mit Heinrich Neider", in: Sonderband Conceptus, p. 43-56.

15. Brentanos Bemerkungen zu "Erkenntnis und Irrtum" erscheinen in den Studien zur Österreichischen Philosophie, Bd. 6, Amsterdam.

16. Vgl. N. Goodman, Sprachen der Kunst, dt. Frankfurt 1973, p. 230 f.

17. Vgl. die materialreiche Arbeit von F. Stadler, Vom Positivismus zur "Wissenschaftlichen Weltauffassung", Wien: Locker 1982. Dazu H. Rutte, in: Grazer Philosophische Studien, 21 (1984) p. 213 ff.

18. Der Verfasser verdankt W. Sauer, Philosophisches Institut der Universität Graz, die genaue Kenntnis der Geschichte und des Schicksals der österreichischen Kantianer.

19. E. Morscher, "Brentano and his place in Austrian philosophy", in: Die Philosophie Franz Brentanos (Hrsg. R. M. Chisholm und R. Haller), a.a.O., p. 7.

20. Siehe meine Einleitung zu diesem Band, sowie meinen Essay: Tra soggettivismo e oggettivismo, Napoli 1984.

21. G. J. Warnock, English Philosophy since 1900, London 1958.

Die Wiedergabe dieses Textes erfolgt mit der freundlichen Genehmigung des Verlages Rodopi.


Letzte Bearbeitung: 24.9.1999
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