Rudolf HALLER:
Österreichische Philosphie1
1.
"Ich glaube das gute Österreichische (Grillparzer, Lenau, Bruckner, Labor) ist besonders schwer zu verstehen. Es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf Seiten der Wahrscheinlichkeit." Das ist ein kryptisches Wort eines philosophischen Anti-Essentialisten und es läßt doch den Glauben des Autors, es gebe so etwas wie das Österreichische, durchschimmern. Die sich nicht von selbst aufschließende Bemerkung stammt aus dem Jahre 1929 und ihr Verfasser ist Ludwig Wittgenstein.Der Schwierigkeit, die komplexe Subtilität des Österreichischen zu erfassen, sind sich seit einigen Jahrzehnten zahlreiche Musik-, Literatur- oder Kunsthistoriker, um nur einige Vertreter der Ideengeschichte zu nennen, bewußt. Ich selbst glaube auch nicht an ein feststehendes Wesen von Nationalitäten und von Mitgliedern solcher Klassen, und es scheinen auch alle Versuche, ein solches Wesen in der Musik, der Literatur oder in der bildenden Kunst klar zu bestimmen, bisher nicht richtig gelungen. Heißt das jedoch, daß diese Versuche grundsätzlich verfehlt waren? Mir möchte scheinen, mitnichten. Es heißt nur, daß das, was man bestimmen, beschreiben möchte, offenkundig "schwer zu verstehen" ist. Und der Gründe dafür gibt es viele, angefangen von der einfachen Schwierigkeit der Bestimmung einer geographischen Zugehörigkeit, zumal ja inmitten der Entwicklung, von der hier die Rede ist, dieses seltsame Reich größter Spannungen und subtilster Komplexion zerbirst und der mit dem alten Namen
Seite 6 der Originalpublikation
verbliebene Rest drei Dezennien braucht, um eine Eigenständigkeit und Identität anzuerkennen.
Ich meine, die "Österreichische Philosophie" ist ein Thema, das erst im Entstehen begriffen ist und auf dessen Suche wir uns befinden. Und selbst wenn sie nicht existierte, so "gebe es" sie doch als einen möglichen, ja sogar als einen unmöglichen Gegenstand, wie Bolzano, Twardowski und Meinong auch jene Gebilde nannten, die zwar logisch nicht widerspruchsvoll, real aber unvorstellbar und nicht existent wären. Von einem solchen quasi-unmöglichen, subtilen Gegenstand. nämlich der Österreichischen Philosophie, handelt der folgende Beitrag.
2.
Anscheinend versuchen geistige Strömungen häufig, im Spiegel der Geschichte ihre Herkunft verständlich zu machen und zu rechtfertigen. Dieses Bedürfnis teilt die Philosophie offenkundig mit allen übrigen Bewegungen von Ideen, seien es solche der praktischen, seien es solche theoretischer Provenienz, bzw. Zielsetzung. Man findet diesen Zug nicht nur in Renaissancen und weniger erfreulich in Restaurationen, sondern insbesondere auch bei jenen wissenschaftlichen und künstlerischen Strömungen, die sich aus bekannten Traditionen loslösen, sie verändern oder gar zum Verschwinden bringen möchten.Damit in Zusammenhang steht die Einstellung, neue Ideen eher im Gewande von Überlieferungen, d.h. Gewohnheiten, zu akzeptieren als in der Gestalt oder Deutung eines plötzlichen Umsturzes des Hergebrachten. So hat man eben im Mittelalter z.B. alle logischen Neuerungen mit der Autorität des Philosophen, d.h. Aristoteles, abgedeckt und durch eine solche Autorisierung geschützt. Ein Grund für diese Einstellung und dieses Verhalten liegt sicher auch in der Tatsache, daß Wissen wie Wissenschaft auf Überlieferung angewiesen ist. Wäre dem nicht so, müßte jede Generation mit einer großen Lehrbuchverbrennung beginnen und das im Laufe der Geschichte erworbene Wissen der Menschheit von sich aus produzieren ein unmögliches Unterfangen. Die Anerkennung dieser Tatsache steht freilich nicht im Gegensatz zur Forderung, nichts aus Überlieferung ungeprüft und unkritisiert zu übernehmen, eine Forderung, die ja im Cartesischen Programm ihren die Zeiten überdauernden methodologischen Ausdruck findet. Wie wir freilich wissen, bleiben solch radikale Programme zum Glück nur auf das philosophische Gebiet beschränkt; sie finden auf das Handeln des Alltags und der Wissen-
Seite 7 der Originalpublikation
schaftler nur in beschränktem Maße eine Anwendung, was uns wohl auch die Klugheit der Lebensführung rät. Würde man nämlich jeden Satz eines Glaubenssystems auf seinen Wahrheitsgehalt selbst überprüfen wollen, so begänne eine nicht abschließbare Aufgabe, weil es unmöglich ist, unendlich viele Sätze zu überprüfen. So übernehmen wir denn einen großen Teil dessen, was wir glauben und zu wissen meinen, bereits auf dem Wege der Erlernung unserer Sprache und dem der Ansammlung unserer Kenntnisse und begnügen uns in der Praxis mit dem Vertrauen in den Wahrheitsgehalt des Erlernten und Gelernten.
Wenn man entdecken und erklären will, warum ein bestimmtes Phänomen aufgetreten ist, so mag man eine solche Erklärung zu einem bestimmten Zweck unternehmen wollen, oder auch um ihrer selbst willen. Das letztere trifft jedenfalls dann zu, wenn man einfach herauszufinden trachtet, was war, d.h. in unserem Fall, welcher Herkunft gewisse Ideen und Theorien sind.
Natürlich kann es im folgenden nicht darum gehen, eine Aufzählung von philosophischen Strömungen aneinander zu reihen. Eine solche Aneinanderreihung von mehr oder minder isolierten Ideen und individuellen Konzeptionen könnte nicht mehr beanspruchen als die Aufzähelung der Elemente einer beliebigen Menge. Ohne die Angabe der mengenbildenden Eigenschaften wissen wir nämlich nicht, was der eigentliche Gegenstand der Betrachtung ist. Selbst wenn uns alle Bausteine eines Mosaiks vorgegeben sind und wir das leitende Konstruktionsprinzip eines Typus nicht kennen, können wir niemals wissen, in welcher Ordnung wir die Steine zu legen haben.
Im Sinne eines solchen leitenden Prinzips möchte ich versuchen, eine genetischer Erklärungsskizze vorzuschlagen, die erlaubt, die Österreichische Philosophie von ihrem Beginn an als eine mehr oder minder homogene Entwicklung zu begreifen. Dieses Prinzip zeigt uns nicht nur die wesentlichen Züge dessen, was man Österreichische Philosophie nennt, sondern auch die Eigenständigkeit dieser gegenüber der Entwicklung im übrigen deutschsprachigen Raum und die Dominanz der nämlichen im Gebiet der alten Donaumonarchie. Um eine solche Hypothese zu verteidigen bedarf es der Annahme von zwei Voraussetzungen: erstens jener, die besagt, daß philosophische Ideen, wie andere geistige Gebilde, einer gewissen Institutionalisierung bedürfen, um wirkungsvoll zu werden. Und zweitens jener, derzufolge bestimmte Ideen und Konzeptionen zu einer bestimmten Zeit eher akzeptiert werden als zu anderen Zeiten. Die beiden Vor-
Seite 8 der Originalpublikation
aussetzungen hängen miteinander zusammen. Daß gewisse Konzeptionen wirksam werden, hängt in vielen Fällen davon ab, daß sie in Schulen tradiert werden. Daß gewisse neue Ideen an solchen Stellen überhaupt hervortreten und zudem eine Resonanz finden, bedarf wiederum zusätzlicher erklärender Prinzipien. Denn nur zu oft begegnen wir in der Geschichte der Wissenschaften dem erkenntnismäßig keineswegs leicht begreifbaren Faktum, daß "neuen" Ideen, Hypothesen und Theorien ein erstaunlicher, ja bitterer, verständnisloser Widerstand entgegengesetzt wird. Man braucht zur Exemplifikation gar nicht in die Ferne zu schweifen; es genügt an die Beispiele von Freud oder Einstein zu denken, um sich die Gewalt solcher Widerstände zu verdeutlichen.
Auch bin ich mir bewußt, im folgenden alle wissenschaftsexternen Faktoren weitgehend ausgeklammert zu haben; es geht mir nur darum, einen Ansatz zur Untersuchung des theoretischen Aspekts zu verdeutlichen, nicht aber auch seine sozio-kulturellen, politischen oder ökonomischen Bedingungen zu untersuchen.
3.
Wenn es auch im Österreich des Vormärz lokale Zentren des Kantianismus gab, so besteht doch eines der hauptsächlichen Charakteristika der Österreichischen Philosophie gerade darin, daß sie Kants "Kopernikanische Wendung" nie mit- und nachvollzog. Entgegen allen idealistischen Richtungen ist die Österreichische Philosophie durch ihre realistische Ausrichtung bestimmt. Insofern sie an der vorkantischen Tradition von Leibniz und Hume anknüpft, bleibt die Gegnerschaft zum deutschen Idealismus, insbesondere zu Hegel, gleichfalls ein hervorstechendes Merkmal. Der Realismus war bereits vor dem Auftreten der deskriptiven Psychologie, d.h. vor Brentano, in den Schulen der österreichischen Monarchie zu nachhaltigem Einfluß gelangt und zwar durch den hierzulande geförderten Herbartismus, wie durch den logischen Realismus des großen Bernard Bolzano. Beide Philosophen, Johann Friedrich Herbart (1776-1841) und Bernard Bolzano (1781-1848) hatten durch ihre Schüler die philosophische Propädeutik und damit die philosophische Bewußtseinsbildung in Österreichs Schulen wesentlich beeinflußt. Herbart vertrat einen Realismus einer von Subjekten unabhängigen Welt der Atome und sah in den Begriffen die einzigen Erkenntnisgegenstände, auch wenn diese erst durch eine kritische Analyse gerechtfertigt werden. Philosophie wird demzufolge hauptsächlich als eine Analyse der Begriffe verstanden, wobei ihre Genese strikt von dem in ihnen Ge-
Seite 9 der Originalpublikation
dachten, Begriffenen getrennt wird. Kurz, die Analyse des Inhaltes von Begriffen und Vorstellungen wird von der Frage ihrer psychischen Entstehung wohl unterschieden. Die letztere ist ein Problem der "Naturforschung", "insoferne dieselbe den völlig regelmäßigen Zusammenhang der Erscheinungen überall voraussetzt und ihm nachspürt durch Sichtung der Tatsachen, durch behutsame Schlüsse, durch gewagte, geprüfte, berichtigte Hypothesen, endlich wo es irgend sein kann, durch Erwägung der Größen und durch Rechnung."2 Eine solch durchaus moderne Charakterisierung konnte auf dem erwähnten Wege frühe Verbreitung finden.
Bolzano, dieser bedeutende Logiker, Philosoph und sozialrevolutionäre Denker, ist in vieler Hinsicht, wenngleich meist auf schwer zu durchschauende Weise und verschlungenen Wegen, innerhalb der Österreichischen Philosophie zu stetem Einfluß, wenngleich kaum zu Ruhm gelangt. Seine sozialistischen Ideen über die Bedingungen des besten Staates sind genauso revolutionäre Denkanstöße wie die immanente Kritik am Katholizismus. Auch wenn der Philosoph selbst seit 1819 in Prag vom Lehramt ausgeschlossen worden war, blieben diese Ideen gerade im Raum der Donaumonarchie nie ganz resonanzlos. Das gilt im besonderen Maße, wie bereits erwähnt, für seine Grundlegung des logischen Realismus, wie er insbesondere in dem großen Werk der Wissenschaftslehre vom Jahre 1837 niedergelegt worden war. Hervorzuheben ist hier vor allem auch der Kronschüler Bolzanos, Robert Zimmermann (1824-1898), dessen Philosophische Propädeutik durch Jahrzehnte das Lehrbuch der vorakademischen Jugend wurde, dessen Übersetzung ins Ungarische und Italienische auch deutlich macht, daß ein solcher Einfluß sich leicht über das Böhmische und Innerösterreichische hinaus verbreiten konnte.
Wie Herbarts Denken steht auch die philosophische Konzeption Bolzanos im Gegensatz zu den deutschen Idealisten. Nirgends in seinem Werk findet sich eine subjektivistisch-idealistische Argumentation. Entscheidend aber wurde die Grundlegung des logischen Re-
Seite 10 der Originalpublikation
alismus in der Wissenschaftslehre, ausdrückbar in dem Grundsatz, daß es eigene Gegenstände gibt, die sowohl von ihren sprachlichen Realisierungen, wie von ihren psychischen Korrelaten zu unterscheiden sind. Die letzteren sind kontingent und daraus folgt, daß es, Bolzano zufolge, weder sprachliche noch psychische Ausdrücke von an sich seienden Gegenständen geben muß. Diese Gegenstände sind auch nicht existierende Gegenstände. Wären sie wirklich existierend, so müßten sie die beiden wesentlichsten Bedingungen existenter Gegenstände erfüllen: nämlich raum-zeitlich identifizierbar zu sein und dem Kausalgesetz zu gehorchen. Beides bestreitet Bolzano, wie später etwa Twardowski, Husserl und Meinong auf der einen, und Frege auf der anderen Seite.
Als solche Gegenstände der Logik, besser, als logische Gegenstände können wir zwei Klassen unterscheiden, Vorstellungen an sich und Sätze an sich. Was ein Satz an sich ist, kann man gut mit Freges Konzeption des Gedankens verdeutlichen. Unter "Gedanke" versteht Frege den objektiven Inhalt des Denkens, kurz, den Sinn eines Behauptungssatzes. Sätze an sich können, gleich Gedanken im Fregeschen Sinn, durch sprachliche Zeichen verschiedener Sprachsysteme ausgedrückt werden. Was nun das gemeinsame Eigentum von vielen ist, der objektive Inhalt oder Gedanke, ist der Satz an sich. Vorstellungen und Sätze an sich sind durch psychische Akte erfaßbar, sie können also gleichfalls Eigentum vieler werden.
Im Hintergrund dieser wohlausgewogenen Konzeption steht natürlich Leibnizens Rede von verités de fait und den verités de raison. Aber Bolzano zeigt nirgends an, daß er diesem Gedanken blind gefolgt wäre, vielmehr gilt ja für ihn durchaus eine andere Auffassung von Wahrheiten an sich, zumal sie keineswegs an die Existenz Gottes gebunden sind.
4.
Es kann gar nicht verwunderlich erscheinen, daß Bolzanos Ideen in der Schule Brentanos bekannt werden mußten, haben doch schließlich einige seiner Schüler auch bei Zimmermann gehört. So kam es, daß sie in dieser Wiener Schule in zunehmendem Maße systematisch bedeutsam wurden, was schließlich zur Wiederentdeckung des großen Bernard Bolzano durch die Neuausgabe seiner Wissenschaftslehre führte, die der Meinongschüler Alois Höfler 1913 besorgte.Eine Schultradition im engeren und wirkungsgeschichtlichen Sinne hat freilich erst Franz Brentano (1853-1917) begründet. In ihm sehen wir den eigentlichen Begründer der Österreichischen Philosophie in Mitteleuropa. Es mag zunächst freilich etwas verblüffend klingen, wenn man die Psychologie vom empirischen Standpunkt aus
Seite 11 der Originalpublikation
dem Jahre 1874 zum Ausgangspunkt einer eigenständigen philosophischen Entwicklung erklärt. Aber wie ich schon mehrfach betont habe, ist eine solche Behauptung bei näherer Analyse und in den Grenzen, in denen sie gemeint ist, durchaus nicht überraschend. Das erste Programm dieser Philosophie verbirgt sich in nuce ja bereits in der zweiten Habilitationsthese Brentanos, wo es heißt, daß die eigentliche Methode der Philosophie keine andere sei, als die der Naturwissenschaften. Brentano ist überdies, wie man m.E. noch zu wenig gewürdigt hat, Auguste Comte in einigen wesentlichen Punkten gefolgt, ja er sagt von diesem, daß es vielleicht keinen anderen Philosophen der neuesten Zeit gebe "der in so hohem Maße unsere Beachtung verdiene". So hat Brentano sicher die Grundidee zu seiner eigenen Phaseneinteilung der Philosophie von Comte übernommen und sie erst dann wesentlich modifiziert. Er stimmte mit Comte darin überein, daß auch die fortgeschrittensten Wissenschaften noch immer bemerkbare Spuren ihres primitiven theologischen Frühstadiums mit sich führen und er glaubt eine solche allgemeine Gesetzmäßigkeit gleichfalls ontogenetisch feststellen zu können. Seinem realistischen Blick entgeht auch nicht, daß in Comtes Dreiphasentheorie von theologischen, metaphysischen und positiven Stadien der Wissenschaften, dem Phänomen des Rückschrittes kein Platz eingeräumt wird, dem wir doch bei allen Irrungen begegnen. Aber wesentlich bleibt für Brentano das Paradigma der wissenschaftlichen Erklärung, entsprechend dem positiven Stadium der Erklärung von Phänomenen bzw. Ereignissen aus Gesetzmäßigkeiten, ohne daß eine letzte Erklärung von diesen nötig ist.
Freilich war es nicht von vorneherein zu erwarten, daß ein Philosoph, der in Aristoteles seinen eigentlichen Lehrer anerkennt, dem im Deutschland dieser Zeit noch nicht zur Wirkung gekommenen Positivismus sich öffnet. Aber wer Brentanos Schriften studiert, wird sich nicht in den Gegensatz zum fortschreitenden Gang naturwissenschaftlicher Forschung gestellt sehen, selbst wenn manche seiner Theorien nicht aufrecht erhalten werden können.
In der Psychologie vom empirischen Standpunkt finden wir das erkenntnistheoretische Fundament einer empirischen Philosophie, für deren Grundlegung die Unterscheidung zwischen Psychischem und Physischem unabdingbar ist. Als das grundlegende Unterscheidungskriterium wird von Brentano das Prinzip der Intentionalität vorgeschlagen. Dieses Prinzip besagt, daß alles psychische Geschehen auf
Seite 12 der Originalpublikation
Gegenstände gerichtet ist: daß wir nicht vorstellen, nicht urteilen, nicht lieben oder hassen, ohne etwas vorzustellen, etwas zu beurteilen, etwas zu lieben oder zu hassen. Was uns diese Sachverhalte zur Kenntnis bringt, ist gleichfalls ein empirisches Mittel, nämlich die innere Wahrnehmung, die nach Brentano die einzige Quelle evidenter Urteile sein kann.
Das in der deskriptiven Psychologie gelegene Programm war, darüber kann es heute keinen Zweifel geben, ein sehr entwicklungsfähiges, und Brentanos eigene Forschungsstadien sind hierfür der beste Beleg. Aber das Programm machte auch eine Methodologie lehrbar: nämlich, erstens, Philosophie als eine wissenschaftliche Disziplin zu betreiben, zweitens, die Empirie als die Quelle der Tatsachenerkenntnis anzuerkennen, und dementsprechend die Evidenz der inneren Wahrnehmung als Fundament der Tatsachenwahrnehmung aufzufassen. Schließlich folgt dem Aristotelischen Ziel der Klarheit die Anwendung sprachanalytischer und sprachkritischer Methoden zur Aufdeckung und Überwindung von Scheinproblemen. Ich glaube, daß dies die wichtigsten Forschungsregeln waren und ihre paradigmatische Anwendung beim Meister so vielversprechend, daß alle Brentano-Schüler ihr folgen konnten.
Dies gilt nicht nur für die orthodoxen Anhänger der Prager Gruppe, die sich um Anton Marty (1847-1914) und während seiner Prager Lehrtätigkeit - auch um Carl Stumpf (1848-1936) scharten, und die den treuesten Kreis von Schülern bildeten. Oskar Kraus (1874-1942) und Alfred Kastil (1847-1950) übernahmen dabei die Aufgabe, das umfangreiche Nachlaßwerk zu publizieren, eine Aufgabe, die keineswegs leicht war, und auch keineswegs befriedigend gelöst wurde. Marty selbst ist vor allem auf zwei Gebieten mit eigenständigen Leistungen hervorgetreten: in der allgemeinen Sprachtheorie und in der Philosophie der Zeit. Seine Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie (1908) sind m.E. aus zwei Gründen noch heute von großem Interesse und erforschenswert: erstens handelt es sich um einen der detailliertesten Entwürfe einer allgemeinen Semantik, die wir in der Geschichte der Sprachphilosophie kennen, und zweitens, um einen der grundlegenden Versuche der Philosophie unseres Jahrhunderts, die alte Dichotomie von autosemantischen und synsemantischen Zeichen zu analysieren. Schließlich folgte den Genannten noch ein weiterer Brentano-Schüler nach Prag, Thomas G. Masaryk (1850-1937), der
Seite 13 der Originalpublikation
spätere erste Präsident der nach dem ersten Weltkrieg gegründeten tschechoslowakischen Republik.
Nach Lemberg wurde Kasimir Twardowski (1866-1938) berufen. In ihm erkennen wir den Begründer der Lemberger-Warschauer Schule, und die meisten der bekannten polnischen Philosophen sind durch ihn beeinflußt worden oder waren selbst seine Schüler. Ich erwähne an dieser Stelle nur K. Ajdukiewicz, J. Lukasiewicz und T. Kotarbinski, dessen Schüler wiederum A. Tarski war. Daß der "logistische Anti-Irrationalismus", wie Ajdukiewicz diese Richtung nannte, unabhängig vom Wiener Kreis entstand, scheint mit ein weiteres Symptom jenes inneren Zusammenhanges der Österreichischen Philosophie von Brentano bis zu den Philosophen des Wiener Kreises, den ich an mehreren anderen Stellen zu erweisen getrachtet habe.
Schon 1894 hatte Twardowski mit seiner Schrift Zur Lehre von Inhalt und Gegenstand der Vorstellungen eine hervorragende Analyse der semantischen Grundbegriffe vorgelegt, die in einer Verbindung von Bolzanos Ideen mit dem Gedanken der deskriptiven Psychologie, insbesondere mit der Konzeption intentionaler Gegenstände, zu einem neuen Schema des Verhältnisses von Sinn und Bedeutung führte. In dieser mustergültig klaren Schrift werden die in Freges gleichnamiger Abhandlung erörterten Probleme in ihren intentionalen und ontologischen Aspekten behandelt. Hier finden wir auch jene Theorie der Namen deutlich vorgebildet, die in Husserls Logischen Untersuchungen und später, 1934, in Karl Bühlers Sprachtheorie als Organonmodell der Sprache weiterentwickelt wurde. Ein Name hat, Twardowski zufolge, drei Funktionen: erstens die Kundgabe von Vorstellungsaspekten, zweitens die Erweckung von psychischen Inhalten im Angesprochenen, die als Bedeutung interpretiert werden, und drittens die Nennung von Gegenständen. Wer nun meint, daß solche Gegenstände immer auch existierende sein müßten, irrt. Denn, so lautet die Argumentation Twardowkis, der sich damit von Bolzano absetzt, erst wenn ein Gegenstand benannt ist, läßt sich von ihm sagen, ob er existiert oder nicht. Also nicht die Bedeutung des Ausdruckes "rundes Quadrat" hat widersprechende Eigenschaften, sondern der Gegenstand, auf den wir uns mittels der Bedeutung beziehen. Damit wird der Grundgedanke von Meinongs Gegenstandstheorie, der Begriff eines reinen Gegenstandes, dessen Sosein unabhängig von seinem Dasein ist, vorweggenommen, daß nämlich alles, was genannt werden kann, ein Gegenstand ist, und der
Seite 14 der Originalpublikation
Begriff des Gegenstandes daher als das summum genus zu werten wäre. Während jedoch Twardowski "eine Wissenschaft, welche alle Gegenstände, sowohl die physischen, organischen und unorganischen, als auch die psychischen, die realen sowohl wie die nicht-realen, die existierenden, sowie die nicht-existierenden" untersucht, als Wissenschaft vom Seienden als solchem und daher als Metaphysik bezeichnet, faßt Meinong, zehn Jahre später, eine solche Wissenschaft als eine strikt daseinsfreie auf und bezeichnet sie daher als Gegenstandstheorie.
Alexius Meinong (1853-1920) selbst wurde 1882 nach Graz berufen, wo er bis zu seinem Tode lehrte. Wie viele seiner Mitschüler in der Auseinandersetzung mit Locke, Hume und Mill aufgewachsen, war er wohl der einzige der Brentano-Schüler, der im englischen Sprachraum bald zu Anerkennung kam, vornehmlich dadurch, daß Bertrand Russell seine Schriften besprach und vor allem seine eigene geniale Theorie der Beschreibungen in der Auseinandersetzung mit Meinong entwickelte. Während Meinong die These verteidigte, daß jeder Gegenstand unabhängig von seiner Existenz Eigenschaften haben könne, und er daher auch Sätze über unmögliche Gegenstände gegebenenfalls als wahr ansehen konnte, verneinte Russell bereits die Voraussetzung auf Grund seines robusten Wirklichkeitssinnes.
Die entscheidende Leistung von Meinong scheint mir darin zu liegen, daß er den Gedanken des reinen Gegenstandes bis zu seinen äußersten Konsequenzen immer weiter durchdacht hat wie vor ihm kein anderer Philosoph, und diese Konsequenzen in allen Kern-disziplinen der Philosophie erprobte. Zum anderen ist er der Maxime der deskriptiven Psychologie, eine empirisch fundierte wissenschaftliche Philosophie auszubauen, wie alle Schüler Brentanos gefolgt.
Daß sich die Grazer Schule und die Prager Schule der Bren-tanoisten schließlich befehdeten, ist nur ein überdeutliches aber typisches Symptom klassischer Schulebildung, wo es immer Orthodoxe, Epigonen, Abweichler und Revisionisten gibt, deren Kämpfe untereinander die Gemeinsamkeiten verdecken und überschatten. Denn bedauerlicherweise zeigt gerade die Brentano-Schule in diesen Aspekten in aller Kraßheit auch die Nachteile eines solchen Phänomens, das meist durch die mächtige Persönlichkeit eines Lehrers und seinen überragenden Einfluß gezeugt wird. Während die einen ihm dadurch nahe zu bleiben wünschen, daß sie um den gemeinsamen Lehrschatz kämpfen, bedürfen andere Schüler eines gewissen Abstandes und kämpfen um die Eigenständigkeit der vom Meister
Seite 15 der Originalpublikation
abweichenden Lehrstücke, auch wenn sie dessen Gesamtkonzeption kaum oder nicht wesentlich verändern. Der Prioritätenstreit innerhalb der Schülergeneration scheint mir auf diesem Weg am ehesten verständlich gemacht werden zu können.
Durch Russell wurde, wie gesagt, das Interesse der englischen analytischen Philosophen an der philosophischen Logik Meinongs wachgehalten. So ist es auch erklärbar, daß es gerade im letzten Jahrzehnt zu einer Wiederentdeckung des Grazer Philosophen kam. Einer der Gründe dafür war schließlich die Entwicklung sogenannter existenzfreier Logiken, die in der Konzeption des reinen Gegenstandes ein Paradigma ihrer eigenen Forschungsregeln anerkennen mußten. Mit dem raschen Aufschwung der deontischen Logik in den letzten fünfundvierzig Jahren kam auch deren Begründer, Ernst Mally (1879-1944), der Nachfolger Meinongs in Graz, zu einem verdienten späten Ruhm. Noch immer zu wenig beachtet wurden m.E. zwei andere Schüler und Freunde des Grazer Philosophen, Christian von Ehrenfels (1850-1922), der Begründer der Gestaltpsychologie und nachmalige Professor in Prag, und Alois Höfler (1852-1922), dessen Laufbahn ebenfalls in Prag begann und der von dort nach Wien zurückberufen wurde. Beide waren in Meinongs Wiener Zeit die Schüler Brentanos, nur daß sie mit diesem bald zu den heterodoxen Anhängern gereiht wurden. Hatte sich Ehrenfels mehr der praktischen Philosophie zugewandt und ähnlich wie Masaryk an einer Reform der Sozialethik gearbeitet, so betonen Höflers philosophische Schriften mehr die logischen und wissenschaftstheoretischen Aspekte. Aber sowohl von Ehrenfels wie auch Höfler waren vielseitig veranlagte und tätige Menschen. Von Ehrenfels komponierte und trat als Dramatiker hervor, Höfler als Organisator der Wiener Philosophischen Gesellschaft, des Wiener Wagner-Vereins und natürlich als Pädagoge. Als solcher verfaßte er schon früh und unter der Mitwirkung von Meinong ein Lehrbuch der Philosophischen Propädeutik, von dem der methodologische Teil besonders fortschrittlich war. Darinnen findet sich bereits die Feststellung, daß die bloße Konstatierung von Tatsachen keine Befriedigung des Erkenntnisbedürfnisses erzielen kann, sondern dies erst durch ein Begreifen der Real- und Erkenntnisgründe geschieht. Ferner die Definition des Gesetzesbegriffes durch Invarianzbedingungen und die Falsifikation als Mittel der Hypothesenüberprüfung, wobei Höfler von der Exkludierung von deduktiv abgeleiteten Folgerungen spricht, die dann eintritt, wenn "auch nur eine Konsequenz einer Hypothese" widerspricht, aber annimmt, daß
Seite 16 der Originalpublikation
die mit der beobachtbaren Tatsache übereinstimmende Hypothese, die bei der Exkludierung übrigbleibt, auch verifiziert sein müsse. Schließlich benützt Höfler auch das wiederholt vorkommende Paradigma des Erkenntnisfortschrittes von Kepler zu Newton dazu, um diesen als einen Fortschritt in der Erklärungskraft von Theorien zu interpretieren.
In Innsbruck schließlich wurden zunächst 1896 der Brentano-Schüler Franz Hillebrand, der in Prag auch bei Marty gehört hatte, und 1906 der Marty-Schüler und frühere Prager Dozent Alfred Kastil die treuen Sachwalter der deskriptiven Psychologie.
Auf diese Weise wird verständlich, warum gerade in Innsbruck als einziger Universität nach dem zweiten Weltkrieg ein unmittelbares Anknüpfen an Brentano möglich war. Es scheint, daß die Arbeiten von Hillebrand gänzlich in Vergessenheit geraten sind. Dabei stellt zum Beispiel seine Studie Zur Lehre von der Hypothesenbildung eine hervorragende Analyse eines komplizierten Begriffes dar, die durchaus noch heute als ein Beitrag zur Klärung dieses dunklen Gebietes zählen darf. Nicht zuletzt sollte man Hillebrands Vorschlag, vorläufige Hypothesen, d.h. Annahmen in Meinongs Sinne, nicht als wahrheitswertfähige Aussagen zu interpretieren, des näheren auf seine Brauchbarkeit hin untersuchen. Aber auch seine Beobachtung, daß aus der Tatsache, daß sich ein zu erklärendes Phänomen aus einer Hypothese deduktiv ableiten lasse, nicht die Rechtfertigung der Hypothese selbst ergebe, scheint manchen Vertretern eines deduktiv-nomologischen Erklärungsmodells nicht selbstverständlich. Ich muß mich leider auch hier mit dieser Andeutung begnügen; aber Ausführlichkeit war ja von vorneherein nicht im Rahmen der Absichten dieser Studie. Doch schon aus dem wenigen dürfte deutlich werden, nicht nur in welchem Ausmaß die Schule Brentanos zur Wirkung gelangte, sondern auch in welcher Weise ihre Philosophie immer auch dem Ziel verbunden blieb, den wissenschaftlichen Methoden treu zu bleiben. Dies gilt auch für das weitgesteckte Programm der Phänomenologie Husserls, das bis zur Wende zum transzendentalen Idealismus durchaus als eine Variante der deskriptiven Psychologie anzusehen ist. Bekanntlich hat aber in Deutschland, wo Husserl vor allem auch durch die machtvolle Stellung Heideggers zu Einfluß gelangte, die übrige Brentano-Schule so wenig Resonanz erzielt wie die Philosophie des Wiener Kreises.
5.
Es scheint sonach keine Frage, daß der Empirismus in weit höherem Maße die Philosophie innerhalb der Grenzen der alten
Seite 17 der Originalpublikation
Donaumonarchie beherrschte als alle Formen eines rationalistischen Idealismus, von seinen spekulativen Abarten ganz zu schweigen. Daher war dann das Auftreten des logischen Empirismus in Österreich, historisch betrachtet, nicht so sehr verwunderlich. Wie aber kam es nun zur Entstehung des Wiener Kreises? Man wird nicht erwarten dürfen, daß in dieser Übersicht und Skizze eine so umfassende Frage eine umfassende Antwort finden kann, ganz abgesehen davon, daß sich dieser Fragetypus für Antworten, die zugleich erklärend wie erschöpfend sind, gar nicht eignet. Um nämlich wirklich umfassend nach Erklärungen zu suchen, bedürfte es hier mehr als sonst auch des Einbezugs des allgemeinen politischen, sozio-kulturellen und wissenschaftlichen Hintergrundes, wie er z.B. in den Darstellungen von Albert Fuchs, W. M. Johnston und A. Janik und St. Toulmin in sehr gelungener und angemessener Weise beschrieben wird.3
Nun hat andererseits die Herleitung von wissenschaftlichen Ideen und Konzeptionen aus externen Faktoren immer auch etwas Mißliches an sich, sodaß man die Beschränkung der Darstellung auf die bloß internen Faktoren meist als angenehm empfindet. Aber wenn man sich, beispielsweise, das Lebenswerk eines so überragenden Geistes wie Otto Neurath einer war, verdeutlichen will, dann kann man von den externen Faktoren gar nicht absehen, schon darum nicht, weil er selbst sie mitbestimmte und nicht nur sie ihn formten. Neurath war nicht nur als Soziologe und Methodologe der Sozialwissenschaft ein Mitbegründer und führendes Mitglied des Wiener Kreises; es wird vielmehr in unseren Tagen überschaubar, daß ohne seine organisatorische Kraft es niemals zu dieser Wirkung gekommen wäre. Neurath hatte schon vor dem Beginn des Zusammenschlusses der Mitglieder des Kreises 1925 die Leitung des auf seine Intitiative hin gegründeten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums der Stadt Wien übernommen, in dessen Rahmen er das Programm der sogenannten "Wiener Bildstatistik" entwickelte: Die neu entworfene Zeichensprache der statistischen Hieroglyphen sollte Kindern und Arbeitern die gleichen Informationen liefern wie den Zunftgenossen. In den Schlußsätzen der hauptsächlich von Neurath verfaßten Schrift Wissenschaftliche Weltauffassung: Der Wiener Kreis spricht er auch
Seite 18 der Originalpublikation
seine Hoffnung (und pragmatische Überzeugung) aus, daß der universale Geist der wissenschaftlichen Weltauffassung in zunehmendem Maße alle Formen persönlichen Lebens durchdringe und erwähnt dabei: Erziehung, Baukunst, Wirtschaft und soziales Leben. Damit wären jene Bereiche genannt, in die jedenfalls Neurath, aber nicht nur er, durch den politischen Standpunkt, durch das wieder erwachte Pathos der Aufklärung, durch die verbreitete künstlerische Aufbruchsstimmung verflochten waren. So stand man mit Otto Glöckl, dem Schulreformator der ersten Republik, mit Otto Bauer, dem Führer der Sozialdemokraten ebenso in Verbindung, wie mit Adolf Loos oder Josef Frank.
So verschieden die Biographien auch sein mögen, so wird man doch nicht umhin können zuzugestehen, daß der Philosoph, der fünf Jahre in der Siedler- und Kleingartenbewegung tätig ist, um dann Statistik und Proletariat in eine reale Beziehung zu bringen, dem Bilde rein akademischen Philosophierens nicht weniger zuwiderläuft als der Philosoph, der, der Welt bürgerlicher Hochfinanz den Rücken kehrend, in die Einschicht eines Landschullehrers flieht, um dann der postsezessionalen Architektur Loosscher Provenienz zu dienen. Natürlich sollte man auch nicht in den Fehler verfallen, und die Entstehung des Wiener Kreises mit einem außerakademischen politischen Interesse in eine kausale Beziehung bringen, obschon für die Mehrzahl der Teilnehmer gelten dürfte, daß sie in ihren politischen Anschauungen der damaligen österreichischen Sozialdemokratie, d.h. dem Austromarxismus, am nächsten standen. Aber einige unter ihnen, wie Schlick selbst oder Kraft, entsprachen in ihren Anschauungen und Handlungen durchaus dem Erwartungsmuster akademischer Position, zu dem jedenfalls auch ein gewisser liberaler Indifferentismus eher als Merkmal gehört als parteiliches Engagement. Von den meisten Mitgliedern des Kreises vielleicht mit Ausnahme von Neurath hat man denn auch eine strikte Trennung von philosophischer Theorie und moralisch-politischer Praxis für selbstverständlich gehalten und dafür in der Nonkognitivität ethischer Äußerungen auch ein signifikantes Symptom und eine Begründungsinstanz gesehen.
6.
Das Interesse, das die Mitglieder des Kreises verband, war vornehmlich, ein theoretisches: Man wollte die Grundlagen der Logik, Mathematik sowie der exakten Naturwissenschaften erforschen. Als Moritz Schlick 1922 als Nachfolger von Adolf Stöhr nach Wien kam,
Seite 19 der Originalpublikation
fand er in der damals noch ungeteilten philosophischen Fakultät die Vertreter der wissenschaftlichen Weltauffassung bereits an den gleichen oder ähnlichen Problemen arbeitend, die ihn beschäftigten. So hatte der Mathematiker Hans Hahn (1880-1934) nicht nur der neuen mathematischen Logik Eingang ins kaiserliche Wien gebahnt, er war es auch, der sich dort als erster mit Fragen der Philosophie der neuen Logik beschäftigte und so über das Werk Russells auf die logisch-philosophische Abhandlung von Wittgenstein stieß, die er bereits im Wintersemester 1922/23 im Seminar behandelte. Neben ihm wirkten noch die Mathematik-Dozenten Kurt Gödel, Karl Menger und Theodor Radakovic und bildeten zusammen mit Schlicks Assistenten Friedrich Waismann den starken Mathematikerflügel des Kreises. Dieser Gruppe standen die Physiker zur Seite: Schlick selbst, der junge Herbert Feigl und Bela von Juhos. Die sozialwissenschaftlich-historische Problematik und Methodologie waren zwar durch Edgar Zilsel, Felix Kaufmann und durch den Historiker Victor Kraft vertreten, aber man besprach diese Probleme nicht. Schließlich kam aus Deutschland noch Rudolf Carnap hinzu, der über Empfehlung von Reichenbach Schlick im Sommer 1924 kennengelernt hatte und sich 1926 in Wien habilitierte. Durch Carnap, der 1931 nach Prag berufen worden war, wo der Physiker Philipp Frank als Professor wirkte, wurde in der Hauptstadt der Tschechoslowakei gewissermaßen eine Dependence des Wiener Kreises gegründet.
Seit den nachgelassenen Schriften von Waismann weiß man nun auch Näheres über die Art und Weise des Einflusses von Wittgenstein auf den Wiener Kreis. Dieser Einfluß kann gar nicht überschätzt werden, interpretierte man doch den Tractatus logico-philosophicus Satz für Satz an den Donnerstag-Sitzungen des Kreises. Aber die persönlichen Reaktionen waren nicht einheitlich. Verständlich, daß sich auch hier Neurath am wenigsten von dem eigenwilligen Sonderling beeindruckt zeigen mußte. Und wie man weiß, wurde ja auch die Verbindung mit Carnap und Feigl bald abgebrochen. Nur Schlick scheint ein nahes Verhältnis zu dem 1929 nach Cambridge zurückgekehrten Denker gefunden zu haben, wenn man von Waismanns Beziehung absieht. Denn dessen Versuch, die Wittgensteinsche Reinterpretation des Traktats in eine systematische Form zu bringen, mußte bei der Dominanz Wittgensteins in diesem Verhältnis verhängnisvoll hemmend wirken. In der Tat hat Wittgenstein ja auch diese Beziehung später von sich aus abgebrochen, wie zuvor diejenige mit Carnap.
Seite 20 der Originalpublikation
Der Wiener Kreis, dessen exoterisches Forum der "Verein Ernst Mach" bildete, war in der Tat aber nicht nur der institutionelle Rahmen, in dem die schwer verständlichen Thesen des zu dieser Zeit als Volksschullehrer und Architekt wirkenden Russell-Schülers und -Freundes diskutiert wurden, sondern er war das Zentrum einer Bewegung, die die Philosophie revolutionieren wollte und wirklich revolutioniert hat.
Auf dem Hintergrund von Wittgensteins Epiphilosophie, ausgedrückt in dem Dictum "Alle Philosophie ist Sprachkritik", entwickelten die Mitglieder des Kreises einerseits ein Programm aller künftigen philosophischen Forschung: Eliminierung aller Scheinprobleme, logische Analyse der Sprache und Konstruktion einer rationalen Universalsprache, in der nur sinnvolle Zeichen der logischen Syntax entsprechend Verwendung finden. Sinnvoll war, dem Programm zufolge, ein Zeichen nur dann, wenn es in sinnvollen Sätzen erkennbar verifizierbar wäre, d.h. wenn man angeben könnte, unter welchen Bedingungen ein Satz, der das Zeichen wesentlich enthält, zu verifizieren ist. Metaphysische Aussagen mußten demzufolge sinnlos sein, weil keinerlei empirische Überprüfung ihres Wahrheitsgehaltes möglich oder vorstellbar wäre.
Hinsichtlich der Auffassung des Charakters von Wissenschaften verteidigte man nicht nur die Wissenschaftlichkeit der philosophischen Forschung, sondern auch die These von der methodischen Einheit aller empirischen Wissenschaften. Dem entsprach die Forderung nach einer Grundsprache, in die alle übrigen Wissenschaftssprachen übersetzbar sein sollten, wobei die Übersetzung auch als ein Prozeß der Reduktion interpretiert wurde. Damit sollte die alte Idee einer sapientia universalis ein fundamentum in lingua erhalten: Die physikalische Sprache sollte die Grundlage aller übrigen bilden, sodaß als wissenschaftlich sinnvoll nur solche Aussagen anzusehen wären, die in diese Sprache übersetzbar wären.
Mit einem phänomenalistischen oder später eben physika-listischen Programm hatten sich die logischen Empiristen freilich über die Philosophie des Traktats hinausbegeben, denn die Wittgensteinsche Metatheorie der Wissenschaft schlägt an keiner Stelle vor, Theorien auf andere zu reduzieren. Auch die für Wittgenstein grundlegende Auffassung einer Dichotomie zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren ist nur von einigen Mitgliedern des Kreises akzeptiert, von den meisten aber Russell folgend eher vernachlässigt worden.
Seite 21 der Originalpublikation
Nur in der Dichotomisierung des rationalen Bereichs in einen kognitiv-theoretischen und nicht-kognitiv-praktischen taucht sie dennoch auf, denn mit Victor Kraft kann man nur feststellen, daß Wertfragen im Wiener Kreis nicht diskutiert wurden, weil deren sprachlichen Ausdrücken nur ein emotionaler Gehalt zugesprochen wurde, Wahrheitsfragen inbezug auf sie daher nicht am Platze waren.
Freilich stand die Frage möglicher Reduzierung von wissenschaftlichen Aussagen eines Systems auf solche eines anderen immer im tieferen Zusammenhang der Verfolgung eines allgemeinen empiristischen Programms, als dessen Zentralschlüssel das Prinzip der Verifikation, respektive Bestätigung, diente. Und dieses Programm, das man insbesondere von Ernst Mach übernahm, das aber in einen breiten Strom der empiristischen Philosophie in Österreich eingebettet war, wurde nun interpretiert durch die Frege-Russell-Logik, die das Instrument der von Wittgenstein geforderten Sprachkritik bildet. Das Verifikationsprinzip ist in gewisser Weise das linguistische Pendent zu dem "Nihil est in intellectu, quod non antea fuerit in sensu" der alten Empiristen; es besagt, daß ein Satz dann und nur dann sinnvoll ist, wenn die Feststellung seines Wahrheitswertes empirisch möglich ist. Das Denken erfaßt grundsätzlich keine Tatsache der Welt, sondern nur die Art und Weise, wie wir über die Welt sprechen. Daher ist der erste und einzige Gegenstand der Philosophie die Art und Weise des Redens über die Welt.
Aus einer solcherart verbreiterten Perspektive erscheint Poppers frühe Kritik am Verifizierungsprinzip in keinem anderen Lichte als Carnaps oder Neuraths Verbesserungsvorschläge, ja er fügt sich durchaus in die Reihe der imaginären Teilnehmer des Kreises, nur daß er mehr als andere auf die Differenzen und die Bedeutsamkeit der eigenen Beiträge achtete und damit auch aus dem Blick verlor, was ihn mit den übrigen Empiristen verband.
7.
Es ist nicht zu erwarten, daß wir in diesem kurzen Überblick auch den Lehren der erwähnten Philosophen gebührenden Raum geben, zumal ja die am Beginn ausgesprochene Intention eine ganz andere war: nämlich die Geschichte der eigenständigen Entwicklung der Philosophie in Österreich zu skizzieren. Dieser Skizze zufolge erscheint die Österreichische Philosophie einerseits wie ein verborgener Seitenast des englischen Empirismus mit der schließlichen Reduktion von Philosophie auf eine ihrer Disziplinen: der Wissenschaftstheorie; auf der anderen Seite wie eine verborgene Fortsetzung Leibnizscher
Seite 22 der Originalpublikation
Konzeptionen, in deren Mittelpunkt eine neue Philosophie der Logik stand. Beide Äste wurden nun auf den Trieben der naturwissenschaftlichen Forschung vereint und führten zu einer Bewegung, deren Erben wir geworden sind. Wie ich schon an mehreren Stellen dargelegt habe, waren die Grundpostulate dieses neuen Positivismus, nämlich das Prinzip der empirischen Fundierung aller Erkenntnisse, das Prinzip der Sparsamkeit der Erklärungsgründe, sowie das Prinzip der Einheit der wissenschaftlichen Erkenntnis, durchaus zum Bestande der Österreichischen Philosophie gehörig wie vor allem auch die Tradition der Sprachkritik,
Verfolgt man die skizzierte Linie genauer, so wird einsichtig, was ja als Tatsache unleugbar ist, warum der Positivismus eher in Österreich und den von ihm beeinflußten Gebieten zur Wirkung gelangen konnte, als in Bereichen, in denen die Herrschaft des "absoluten Geistes" oder eines anderen spekulativen Prinzips den Tatsachen weniger Spielraum ließ.
Ich finde es jedenfalls erfreulich, daß sich heute schon so viele gute Köpfe mit der Geschichte der Österreichischen Philosophie beschäftigen. Aber noch wichtiger als die bedeutsame Aufgabe der Erforschung unserer Vergangenheit scheint mir die Fortsetzung der philosophischen Arbeit in deren gutem Geiste, d.h. wissenschaftlich, empiristisch und sprachkritisch.
Anmerkungen
l. In der vorliegenden Studie fasse ich einige Ergebnisse früherer Abhandlungen in einem Überblick zusammen. Dabei gebe ich der unbekannten Vorgeschichte des Wiener Kreises einen breiteren Raum als der bekannten. Vgl. dazu auch das ausgezeichnete Nachwort zu dem Gespräch mit Neider von H. Rutte in Conceptus 28-30(1977), 43-56.
2. J. F. Herbart, Sämtliche Werke. Hrsg. K. Kehrbach u. O. Flügel, 19 Bde., Leipzig 1887-1912; Bd. 5, p. 185. Vgl. ders. "Über die Möglichkeit und Notwendigkeit, Mathematik auf Psychologie anzuwenden" (1822).
3. A. Fuchs, Geistige Strömungen in Österreich 1867-1918, Wien: Globus 1949; W. M. Johnston, Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte, dt. Wien: Böhlau 1974; A. Janik u. S. Toulmin, Wittgenstein's Vienna, New York: Simon & Schuster 1973.
Die Wiedergabe dieses Textes erfolgt mit der freundlichen
Genehmigung des Verlages Rodopi.
Letzte Bearbeitung:
24.9.1999
Zurück zum Beginn